Samstag, 2. Juni 2012

Mentalitäten und Wirtschaftsform.

Pressemitteilung 

Symposion Menschenbild und Ökonomie 
an der Universität Witten/Herdecke


Kay Gropp 
Pressestelle

29.05.2012 12:19

Veranstaltung vom 28. – 30. Juni 2012 beschäftigt sich mit den Auswirkungen des menschlichen Selbstverständnisses auf wirtschaftliche Prozesse

Die Vorstellungen über das Wesen des Menschen prägen sowohl das Verhalten des Einzelnen als auch die Gestaltung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen und wirtschaftlicher Systeme. Im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung erschafft das geteilte Menschenbild die Wirklichkeit, in der wir leben und arbeiten – sei es, um nur einige abendländische zu nennen, nach dem Bild des „animal rationale“, des „homo politicus“, des „homo sapiens sapiens“, des „homo ludens“ (der spielende Mensch), des „nicht festgestellten Tiers“ (Nietzsche), des „Mängelwesens“ (Herder, Gehlen), des „homo sociologicus“ (Dahrendorf), des religiös gebundenen Menschen („homo transcendentalis“) oder des homo neurooeconomicus.

Das Abendland, der Nahe und der Ferne Osten haben in Religion, Philosophie und Wissenschaft eine große Vielfalt von Menschenbildern hervorgebracht, mit denen ganz unterschiedliche Wirtschaftsstrukturen einhergingen und - gehen. Beim Symposion „Menschenbild und Ökonomie“, das vom 28. Juni (14 Uhr) bis zum 30. Juni 2012 (13 Uhr) in der Universität Witten/Herdecke (UW/H) stattfinden wird, soll es darum gehen, die in den verschiedenen Vorstellungen enthaltenen Einsichten, ihre Bedeutsamkeit für die ökonomischen Wissenschaften und das ökonomische Handeln wirtschaftspolitisch zu untersuchen.

Besonderes Augenmerk gilt dem in den westlichen Wirtschaftswissenschaften seit fast 150 Jahren maßgeblichen Modell des „homo oeconomicus“. Demgemäß werden die ökonomischen Entscheidungen und das Verhalten des Menschen durch den individuellen, im Wesentlichen egoistischen Nutzen auf Grund zweckrationaler Entscheidungen bestimmt. Der homo oeconomicus wurde so zum Leitbild des modernen Kapitalismus. Doch schon 1904 postulierte Max Weber in seinem Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“, dass christlich-protestantische Tugenden letztlich die Wirtschaftsform des Kapitalismus erst ermöglichten.

„Der bisher gescheiterte Versuch, ein auf Annahmen des Bildes vom homo oeconomicus gegündetes kapitalistisches Wirtschaftssystem weltweit zu etablieren, negiert die Vielfalt menschlicher Motivationslagen und der Menschenbilder unterschiedlicher Kulturkreise“, sagt Prof. Uwe an der Heiden vom Lehrstuhl für Mathematik und Theorie komplexer Systeme, der das Symposion zusammen mit Prof. Michèle Morner, der Direktorin des Reinhard-Mohn-Instituts für Unternehmensführung und Corporate Governance an der UW/H, organisiert. „Ohne die Berücksichtigung kulturell oder religiös geprägter Menschenbilder kann ökonomisches Handeln nicht erfolgreich sein und ist im Extremfall sogar kriegerischer oder terroristischer Opposition ausgesetzt.“

Die neuere Wissenschaft (Psychologie, Soziologie, Verhaltensforschung, Hirnforschung) kommt mehr und mehr zu dem Ergebnis, dass der Mensch kein rein egoistisches Wesen, sondern sein Verhalten viel komplexer ist. Diese neueren Erkenntnisse sollen im Symposion thematisiert werden zusammen mit der Frage, welche Bedeutung altruistische Züge für die Ökonomie haben und welche Beziehungsgeflechte zwischen egoistischen und altruistischen Antrieben bestehen (bis hin zu Gruppenegoismus bzw. Gruppenaltruismus).

Neben anderen hochkarätigen Vortragenden wird auch der einzige deutsche Nobelpreisträger für Ökonomie, Professor Reinhard Selten, als Redner sprechen.

Kooperationspartner des Symposiums ist die Rudolf-August Oetker-Stiftung für Kunst, Kultur, Wissenschaft und Denkmalpflege.

Weitere Informationen: Prof. Dr. Uwe an der Heiden Uwe.anderHeiden@uni-wh.de, 02302 / 926-367).

Über die Fakultät für Wirtschaftswissenschaft:

Die Fakultät für Wirtschaftswissenschaft wurde 1984 gegründet und bietet derzeit rund 350 Studierenden einen Studienplatz in „Business Economics“, „Philosophie, Politik und Ökonomik“, „General Management“ oder „Family Business Management“. Wittener Wirtschaftsstudierende gestalten ihr Studium ab dem ersten Semester unternehmerisch mit, sie verbinden betriebs- und volkswirtschaftliche Fragen miteinander und erfahren Interdisziplinarität. Die Studierenden lernen, Wirtschaft im Kontext zu denken, mit Problemen und Überraschungen umzugehen und dabei auch ihre soziale Verantwortung zu berücksichtigen.

Für Interessenten: Die Bewerbungsfrist für die wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge an der UW/H läuft am 30. Juni ab. Bewerbungen sind möglich unter: http://www.uni-wh.de/wirtschaft/studium-wirtschaftsfakultaet/studieninteressiert...

Über uns:
Die Universität Witten/Herdecke (UW/H) nimmt seit ihrer Gründung 1982 eine Vorreiterrolle in der deutschen Bildungslandschaft ein: Als Modelluniversität mit rund 1.300 Studierenden in den Bereichen Gesundheit, Wirtschaft und Kultur steht die UW/H für eine Reform der klassischen Alma Mater. Wissensvermittlung geht an der UW/H immer Hand in Hand mit Werteorientierung und Persönlichkeitsbildung.

Freitag, 1. Juni 2012

Mann über Bord.

aus Süddeutsche.de, 1. 6. 12

Heute, 09:45 \ Piratenpartei 

Bundespressesprecher der Piraten tritt zurück

Der Bundespressesprecher der Piratenpartei, Christopher Lang, ist am Freitag von seinem Amt zurückgetreten. In einem offenen Brief an den Bundesvorstand begründete Lang seinen Schritt mit einer Überlastung durch die bislang ehrenamtlich wahrgenommene Aufgabe.

"Wir brauchen mehr bezahltes und im selben Zuge fachlich qualifiziertes Personal, um die stetig steigenden Anforderungen abzudecken", forderte Lang. "Ich kann nicht mehr, bin für den Moment müde, ausgepowert und erschöpft!", heißt es in dem Brief. Lang betonte, er wolle künftig ein geplantes Studium nicht weiter hinausschieben und werde sich intensiver auf seine Familie, Freunde und das nicht-politische Leben fokussieren.

zum Thema
Nota.

Bloß keine Mandate und keine Delegation, um Himmels Willen, das ist der Weg zur Hölle! Wir sind basisdemokratisch, bei uns sind alle gleich, jeder ein @ im Nezt, einer wie der andre.

Aber pragmatisch sind wir auch, aber immer. Politik ist ein aufreibendes Geschäft, mein Gott ja, ohne bezahlte Hauptamtliche geht es nicht, leider. 

- Hauptamtliche Angestellte ohne mandatierte Delegierte, die sie kontrollieren? Das soll "basisdemokratisch" sein? Das ist der direkte Weg zur Herrschaft von unverantwortlichen Bürokraten. Das ist der direkte Weg in die Hölle.

Politik ist keine Liebhaberei, die der Normalbürger nach Feierabend nebenbei betreiben kann. So geht es in Projektgruppen und Bürgerinitiativen, aber schon in einer Berliner Bezirksverordnetenversammlung - dort ist Christopher Lang außerdem Fraktionsvorsitzender - geht das nicht mehr. Da bedarf es einer Organisation. Was heißt Organisation? Arbeitsteilung. Und Arbeitsteilung heißt Übertragung von Verantwortung. Sich verantworten heißt Rede und Antwort stehen und sich kontrollieren lassen. Und das Übertragen von Verantwortung nennt man delegieren und mandatieren.

Wenn sie nicht als unpolitische Neigungsgruppe versanden, sondern als Partei wirken wollen, müssen sich die Piraten verantwortliche Strukturen geben. 

Denn merke: Software ersetzt keinen politischen Willen

J.E. 



Donnerstag, 31. Mai 2012

Die Korruption in Russland.

aus NZZ, 29. 5. 2012



Moskaus epischer Kampf gegen die Korruption
 Rhetorik und die Umsetzung versprochener Massnahmen klaffen noch auseinander

Unter dem alten russischen Präsidenten Medwedew wurde ein breit angelegter Kampf gegen die Korruption angekündigt. Die Erfolge sind bescheiden, Ungereimtheiten bleiben bestehen.

von Gerald Hosp, Moskau

Es war eine der letzten Amtshandlungen von Dmitri Medwedew als russischer Präsident: Der frühere Kreml-Chef ordnete an, dieses Jahr 1000 Beamte in einen Kurs zu schicken, der über die Prävention von Korruptionsdelikten aufklären soll. Die Kadermitglieder sollen in einem 36-Stunden-Programm (10 Stunden Vorlesung, 26 Stunden «praktische Arbeit») in der Zusammenarbeit mit entsprechenden Behörden sowie im Umgang mit Dokumenten unterrichtet werden. Damit schliesst sich ein Kreis. Schon zu Beginn seiner Präsidentschaft im Jahr 2008 betonte Medwedew die Bedeutung der Korruptionsbekämpfung: «Korruption ist eine Bedrohung für jeden Staat. Korruption untergräbt das Vertrauen der Bürger in die Regierung.» Trotz einer Vielzahl an Massnahmen veränderte sich unter Medwedew der Rang Russlands im Index zur Korruptionswahrnehmung der Organisation Transparency International nur geringfügig: Von Rang 147 im Jahr 2008 rückte Russland 2011 auf Rang 143 vor. Total wurden 182 Länder untersucht.

Steuer auf Wachstum

Medwedew verschreibt sich offenbar auch als Ministerpräsident der Korruptionsbekämpfung. Vor der russischen Präsidentschaftswahl am 4. März war der damals amtierende Präsident noch wie vom Erdboden verschluckt. Die Bühne gehörte seinem Vorgänger und Nachfolger Wladimir Putin, der für den Posten im Kreml antrat. Nach der Wahl zeigte sich Medwedew vermehrt in der Öffentlichkeit, so als ob er noch das Volk von der mit Putin bereits vor langer Zeit vereinbarten Ämterrochade überzeugen müsste. Dass Medwedew in die Rolle des Ministerpräsidenten schlüpfen wird, während Putin wieder die Präsidentenrolle einnehmen wird, stand seit September vergangenen Jahres fest. Dennoch trat Medwedew unentwegt in Veranstaltungen zur «offenen Regierung» auf. Durch das Schlagwort sollte Medwedews Bekenntnis zu einer transparenten Regierungsform dokumentiert werden, die mit der Zivilgesellschaft einen Dialog eingeht. Eines dieser Treffen stand im Zeichen der Korruption, eines Grundübels der russischen Gesellschaft.


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Bei dieser Veranstaltung verwiesen Experten wie der liberale Ökonom Sergei Guriew darauf, dass Russland korrupter als viele andere Länder mit einem ähnlichen Pro-Kopf-Einkommen sei. Die Schmiergelder würden eine Steuer auf Investitionen und Wachstum bedeuten. Ohne Korruption könnte die russische Wirtschaft mit einer Rate von 6% wachsen, statt der jetzt erwarteten 4%. Guriew brachte auch die Abwanderung gut ausgebildeter Fachkräfte sowie den Kapitalabfluss in Verbindung mit der Wahrnehmung einer überbordenden Korruption. Mit Medwedew wurden jedoch bereits einige Massnahmen umgesetzt, auch wenn diesen noch wenig Erfolg beschieden war.

So mancher westlicher Geschäftsmann setzt seine Hoffnungen gar in Putin, der vor seiner Wahl von einer «systemischen Korruption» gesprochen hatte, ein Novum im Vokabular Putins. Man solle Putin eine Chance geben, seine Vorstellungen von der Korruptionsbekämpfung umzusetzen, heisst es, ungeachtet der Tatsache, dass Putin bereits seit zwölf Jahren die Zügel fest in der Hand hält. Putin forderte noch als Regierungschef, dass Staatsunternehmen gegen Korruption in den eigenen Reihen vorgehen und Verbindungen zu Offshore-Unternehmen überprüfen sollten. Im Dezember vergangenen Jahres waren drei hochrangige Manager des staatlichen Erdgaskonzerns Gazprom entlassen worden.

Die russische Regierung möchte auch die Verwendung von Bargeld einschränken, um die Schattenwirtschaft und Schmiergeldzahlungen einzudämmen. Es wurde auch die Initiative lanciert, dass im Ausland registrierte «russische» Unternehmen, vornehmlich in Niedrigsteuerländern, den wirtschaftlich Berechtigten offenlegen sollten. Moskau trat zudem als 39. Mitglied der Konvention gegen Bestechung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bei. Die Konvention sieht das gesetzliche Verbot der Bestechung ausländischer Amtsträger in internationalen Geschäftstransaktionen vor. Unter Präsident Medwedew wurde vor allem die Modernisierung der gesetzlichen Grundlage vorangetrieben. Als Medwedew Präsident wurde, gab es Korruption als Begriff in der Gesetzgebung noch nicht, nur das Strafrecht bot Instrumente zur Bekämpfung dieses Phänomens.

Ein Gesetz zur Auskunftspflicht der Behörden wurde eingeführt. Eine Neuerung war auch die Pflicht zur Offenlegung der Einkommen und Vermögen höherer Regierungsbeamter und von deren engsten Familienmitgliedern. Wie ernst die Preisgabe von Informationen über Einkommen tatsächlich genommen wird, sei dahingestellt. So wies Ramsan Kadyrow, der Chef der tschetschenischen Republik, beispielsweise für das vergangene Jahr ein Einkommen von gut 4,1 Mio. Rbl. (123 400 Fr.) aus. An Immobilienbesitz gab Kadyrow eine 36-m2-Wohnung in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny an; sonst inszeniert sich Kadyrow als grosszügiger Wohltäter und zelebriert seinen Wohlstand. Laut Gesetz müssen nur die Vermögen und Einkommen des Partners und der Kinder offengelegt werden; im Falle von Kadyrow gehört seiner Mutter ein riesiges Anwesen.

«Putins Freunde»

Der Kampf gegen die Korruption führte aber zunächst zu einem Anstieg der «Preise» für Bestechung: Laut dem russischen Innenministerium betrug ein durchschnittliches Schmiergeld im Jahr 2008 noch 9000 Rbl. (270 Fr.), drei Jahre später stieg dieses auf 236 000 Rbl. (7100 Fr.). Dies könnte auch damit zusammenhängen, dass es tatsächlich gefährlicher wurde zu bestechen. Damit würde auch der Preis steigen. Die Anzahl der Verurteilungen in Korruptionsfällen nahm jedoch zwischen 2008 und 2010 nicht stark zu. In einer Umfrage aus dem Jahr 2010 gaben knapp mehr als die Hälfte der Befragten an, in einer «Korruptionssituation» gewesen zu sein, 47% davon zahlten schliesslich das Schmiergeld. Der grösste Anteil der alltäglichen Korruption fällt im Strassenverkehr, im Erziehungsbereich und im Gesundheitswesen an.

In der Sitzung für eine «offene Regierung» präsentierten Ökonomen Medwedew und seinem Team einen Baukasten zur Korruptionsbekämpfung. Zunächst solle der Einfluss des Staates auf die Wirtschaft durch Privatisierung und Deregulierung verringert werden. Die sogenannte grosse Korruption müsse durch die Übernahme internationaler Richtlinien und Gründung neuer Untersuchungseinheiten eingedämmt werden. Zudem müsse das System der Staatsaufträge überarbeitet werden, die Qualität der Führung von Staatsunternehmen müsse verbessert werden. Der alltäglich beobachteten Korruption solle es durch Erziehung, Einbindung der Zivilgesellschaft und durch mehr Konkurrenz für staatliche Strukturen an den Kragen gehen. Schliesslich müsse sich eine zivilgesellschaftliche Kontrolle durchsetzen. Darunter werden vermehrter politischer Wettbewerb, kritischere Medien, Bürgerinitiativen sowie mehr Behördentransparenz verstanden.

Der Kreml sieht sich dabei einem Dilemma gegenüber. Die grassierende Korruption schmälert die Effektivität des Staates. Dadurch werden politische Optionen eingeschränkt, Schmiergelder können auch gutgemeinte Massnahmen untergraben. So ist der schleppende Ausbau der Infrastruktur unter anderem auch darauf zurückzuführen, dass die Regierung Korruption fürchtet, die die Projekte verteuert. Der Staat als Dienstleister für die Bürger arbeitet dadurch schlecht. Andererseits werden gerade der Kreml und die Elite mit Bestechungsvorwürfen konfrontiert. Eine Vielzahl der Massnahmen, vor allem mehr politische Konkurrenz, würde am bestehenden Machtgefüge rütteln. Manche Beobachter sehen gar die Korruptionskultur als eigentliches Regierungssystem in der Ära Putin.

Der Begriff «Putins Freunde», der einen Personenkreis umschreibt, der im Fahrwasser von Putin reich geworden sein soll, wurde bereits zur feststehenden Redewendung. In diesem Umfeld wurde die Bezeichnung «Partei der Diebe und Schurken» für die Regierungspartei Einiges Russland zum geflügelten Wort. Der Schöpfer dieses Ausdrucks, der Blogger Alexei Nawalny, baut seine politische Karriere auf seinem Image als Kämpfer gegen die Korruption auf. Das Thema ist wohl auch der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die meisten Wählergruppen einigen könnten. Nawalny ist dabei innovativ: In Zusammenarbeit mit einer Bank möchte er eine Bancomatkarte lancieren, um seinen Fonds für Antikorruption zu unterstützen. 1% der mit der Karte getätigten Zahlungen soll an den Fonds gehen, dabei zahlt dies die nicht genannte Bank von ihrer Kommission. Die Karte soll mit dem Satz «Eine Person, die sich nicht fürchtet und der es nicht egal ist» geziert werden.

Als eine Strategie, um dem Dilemma zu entkommen, gilt die Möglichkeit, ein Exempel zu statuieren, das als Abschreckung wirken soll. Bisher hat die russische Führung aber einige Möglichkeiten verstreichen lassen. Es scheint, dass Untersuchungen gegen höhere Staatsvertreter im Sand verlaufen oder gar nicht durchgeführt werden. Prominentestes Beispiel ist der frühere Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow, der die Stadt quasi als Fürstentum geführt hat. Die Vorwürfe der Vetternwirtschaft und der Korruption waren zahlreich.

Medwedew entliess Luschkow im September 2010 mit dem Hinweis, er habe das Vertrauen in Luschkow verloren. Zuvor hatte es eine Kampagne im staatsnahen Fernsehen gegeben, die Luschkow Günstlingswirtschaft vorwarf. Einem Verfahren musste sich Luschkow jedoch nie stellen. Der Weggefährte und Milliardär Wladimir Jewtuschenkow konnte Luschkow vor kurzem einen Verwaltungsratsposten in einem seiner Unternehmen in Russland anbieten, ohne dass es einen Aufschrei gegeben hätte.

Tragischer Fall Magnizki

Keine gute Figur machte auch die offizielle russische Korruptionsbekämpfung im tragischen Fall des Steueranwalts Sergei Magnizki, der im November 2009 in einem Moskauer Gefängnis gestorben ist. Magnizki hatte ein Betrugssystem, in das Beamte des Innen- und des Finanzministeriums involviert sein sollen, aufgedeckt. Während einer Razzia in russischen Büros des Investitionsfonds Hermitage Capital Management, des früheren Arbeitgebers Magnizkis, konfiszierten Polizisten Stempel und Urkunden des Unternehmens, die dann dazu benutzt wurden, um Steuerrückzahlungen in der Höhe von 230 Mio. $ geltend zu machen.

Magnizki hatte zudem einen ähnlichen Fall entdeckt, bei dem es um eine Summe von 109 Mio. $ ging. Die Vorwürfe Magnizkis wurden gegen ihn selbst gerichtet. Er solle der Kopf des Systems, das er aufgedeckt hatte, gewesen sein, hiess es von den Untersuchungsbehörden. Im Gefängnis wurde dem Steueranwalt medizinische Behandlung verweigert, am Tage des Todes soll er geschlagen worden sein, wie selbst die Menschenrechtskommission des Kremls festhielt.

Die kritische russische Zeitung «Nowaja Gaseta» deckte vor kurzem auf, dass dieses Betrugssystem auch nach dem Tod Magnizkis weiter existiert hatte. Insgesamt sollen im Zeitraum von 2006 bis 2010 mehr als 800 Mio. $ durch Steuerrückzahlungen ergaunert worden sein, in die die zwei Moskauer Finanzämter 25 und 28 involviert waren. Die Steuerrückzahlungen in Millionenhöhe waren in kürzester Zeit genehmigt worden. Olga Stepanowa, die frühere Leiterin der Steuerinspektion 28, legte offenbar über ihren Mann auch Konten in der Schweiz an. Im vergangenen Jahr eröffnete die Schweizer Staatsanwaltschaft ein Verfahren, bei dem die Transaktionen auf Konten bei der Credit Suisse wegen des Verdachts der Geldwäsche untersucht werden. Stepanowa verliess zwar die Steuerbehörde, kam aber zunächst auf einem höheren Posten im Verteidigungsministerium unter, das vom früheren Leiter der Steuerbehörde geführt wird. Der Tod Magnizkis hatte zu keinen Konsequenzen für die involvierten Staatsvertreter geführt, manche wurden gar befördert.

Ohne Auswirkungen blieb auch die Diskussion um Igor Schuwalow, der auch in der neuen Regierung einen Posten als Vizeministerpräsident einnehmen wird. In in- und ausländischen Medienberichten war seit Ende des vergangenen Jahres über einige Geschäfte von Offshore-Unternehmen berichtet worden, die der Ehepartnerin von Schuwalow gehören. Dabei handelt es sich etwa um Transaktionen mit Aktien des Stahlproduzenten Corus und von Gazprom. Die Geschäfte für sich genommen, sind wohl nicht illegal, die Höhe der Summe sowie die Verbindungen der Schuwalows zu einigen bekannten russischen Geschäftsmännern bei diesen Deals erregten jedoch Aufmerksamkeit - aber nicht bei den Behörden oder im Parlament. Die Untersuchung von Interessenkonflikten war kein Thema. Der Zeitpunkt der Enthüllung spricht für die These, dass damit Schuwalow im Prozess der Bildung der neuen russischen Regierung geschadet werden sollte. Schuwalow überlebte den Skandal.

Einladung zum Missbrauch

Der letztgenannte Fall zeigt auch auf, dass eine verschärfte Korruptionsbekämpfung als Mittel zur Beseitigung unliebsamer Konkurrenten genutzt werden kann. In einer Phase, in der die Behörden als korrupt verschrien sind und eine unabhängige Justiz sich noch nicht etablieren konnte, gibt es die Möglichkeit zum Missbrauch. Raider-Attacken, wie die Übernahme von Firmen mithilfe staatlicher Ressourcen genannt wird, könnten auch im Namen der Transparenz und der Austrocknung des Korruptionssumpfes durchgeführt werden.

Dadurch werden auch die Rechtshilfe oder Anfragen anderer Staaten erschwert, weil angenommen werden muss, dass russische Staatsvertreter nicht über jeden Zweifel erhaben sind. Anträge auf Auslieferung russischer Staatsbürger in ihr Heimatland werden oft von allgemeinen Erörterungen über den Zustand des russischen Justizwesens begleitet. Gleichzeitig besteht die Gefahr, mit Pauschalierungen sinnvolle Bestrebungen als Camouflage zu verunglimpfen. Es ist eine Binsenwahrheit, dass die Bekämpfung der Korruption komplex ist. Eine Kultur des Schmierens kann nicht in kurzer Zeit völlig umgedreht werden. Beispiele wie Georgien zeigen jedoch auch, dass mithilfe radikaler Massnahmen wie Massenentlassungen sowie mit Vereinfachungen von Verwaltungsakten die alltägliche Korruption eingedämmt werden kann. Möglicherweise wird der Ministerpräsident Medwedew den Worten des Präsidenten Medwedew Taten folgen lassen. Doch angesichts des starken Interesses eines Grossteils der russischen Elite am Status quo sehen die Vorzeichen dafür schlecht aus.

Nota.
 
...und zwar weniger wegen der bobachteten mehr oder minder feudalen Züge in der gegenwärtigen russischen Gesellschaft – vor wenigen Tagen erst grell beleuchtet durch die Entlassung des zu eigenmächtig gewordenen Vasallen Luschkov; sondern weil es feudale Formen persönlicher Gefolgschaft waren, die den Übergang aus dem schon lange nicht mehr zentralisierten sowjetischen Staatseigentum zum kapitalistischen Privateigentum bewerkstelligt haben. Der Verfall des totalitären Stalinschen Monolithen zu einem Sumpf feudalbürokratischer Satrapien hat der bürgerlichen Restauration den Boden bereitet.
 
Ohne die vorangegangene Feudalisierung Europas im Gefolge der Völkerwanderung hätten sich die bürgerliche Gesellschaft und die kapitalistische Industrie niemals ausbilden können. Es war die vielfach bedingte und gestaffelte feudale Grundherrschaft, wo im System gegegenseitiger Verbindlichkeiten sich eine tatsächliche Gewaltenteilung auf allen gesellschaftlichen Ebenen bis hin zu Kaiser und Papst ausgebildet hat, in deren Poren und Leerstellen sich ein kapitalistischer Reichtum akkumulieren konnte, der schließlich auch in den feudalen Charakter der Grundherrschaft zersetzend eingedrungen ist. Nur weil sich in Europa aus dem Untergang der antiken Zivilisation eine Feudalordnung bildete, ist Europa kapitalistisch geworden, und nur Europa, und konnte die ganze restliche Welt erobern.
 
Außer Japan. Dort hatte sich, leicht verspätet, ein einheimischer Kapitalismus ausgebildet. Denn Japan ist das einzige Land der Welt, in dem eine Gesellschaftsordnung entstanden war, die sich mit dem europäischen Feudalsystem vergleichen lässt.
 
J. E.

Mittwoch, 30. Mai 2012

Der Arbeiter im digitalen Zeitalter.

Ganz restlos werden auch im digitalen Zeitalter die denkenden Maschinen den Menschen das Arbeiten nicht abnehmen; denn es werden immer noch die gebraucht, die die Maschinen, so intelligent sie immer sein werden, in Form und im Zaum und unter Kontrolle halten. Mit dem Lohnarbeiter des Industriezeitalters werden sie nicht mehr viel gemein haben. Nachstehend eine unverhohlen apologetische Darstellung:

aus NZZ, 30. 5. 2012                                                                           Koautor Lino Guzzella im Maschinenlabor der ETH Zürich



Homo faber multifunktional
 
Der Ingenieur der Zukunft ist Homo faber, oeconomicus und ludens zugleich: Er ist technisch hoch kompetent, denkt ökonomisch und ist kreativ.


Lino Guzzella und Christoph Niedermann

Ingenieure - wir bezeichnen damit die Frauen und Männer dieser Berufsgattung - bauen Strassen und Chips, konstruieren Maschinen, finden neue Materialien und entwerfen neue Verfahren. Sie realisieren neue Produkte, Systeme und Prozesse, die unseren Lebensstandard ermöglichen und sichern.
Was genau ist aber ein Ingenieur? Max Frisch prägte das Bild des Homo faber. Die Protagonist eines seiner Hauptwerke, Walter Faber, ist ein Ingenieur mit streng rationaler, technisch orientierter Weltanschauung, der den Sonnenuntergang nicht betrachtet, sondern fotografiert. In dieses geordnete Leben bricht die Welt in Form von Zufall und verdrängter Vergangenheit ein. Mit Ratio allein lässt sich die Lebensaufgabe nicht bewältigen. «Prima di essere ingegneri vuoi siete uomini», mahnte Francesco de Sanctis schon vor 150 Jahren seine Studenten am damaligen «Poly», und die sich daraus ableitenden Konsequenzen für den Ingenieurberuf werden noch grössere Bedeutung erhalten.

Wissen und . . .

Wie sollen die Ingenieure ausgebildet werden, damit sie die Welt auch in Zukunft gestalten können? Sie werden sich zuerst einmal das von ihren Vorgängern erarbeitete Wissen aneignen müssen. Das ist doppelt schwierig, weil erstens mittlerweile sehr viel Wissen vorhanden ist und zweitens der relevante Teil dieses Schatzes nicht immer einfach vom obsoleten zu unterscheiden ist. Ohne eine fundierte Grundausbildung in Mathematik und Ingenieurphysik sind keine echten Beiträge zur Weiterentwicklung der Technik möglich.

Leider gibt es keinen Königsweg zu dieser Zwischenetappe. Auch im Zeitalter von Wikipedia und Google müssen sich angehende Ingenieure die wichtigsten Sätze der Mathematik und die zentralen Gesetze der Natur hart erarbeiten, sie verstehen und anwenden lernen. Diese Herausforderung ist für viele junge Menschen durchaus eine Motivation, diese Fachrichtung zu wählen, erlaubt sie doch zu zeigen, was man «auf dem Kasten hat». Zudem ist dieser Aufwand eine sichere Investition; die Resultate der Mathematik sind wahr und die Gesetze der Natur unveränderlich.

Dieses Wissen reicht aber bei weitem nicht aus. Die folgenden Kompetenzen sind für Ingenieure ebenso unerlässlich: Die Fähigkeit, eigene Erkenntnisse und Gedanken anderer zu vermitteln. Ingenieure müssen in der Lage sein, präzis und prägnant zu kommunizieren - und das mindestens in Englisch und der eigenen Muttersprache. Erschwerend - und inspirierend - kommt hinzu, dass sie oft mit technisch nicht ausgebildeten Dialogpartnern zu tun haben.
 
Die Fähigkeit, positiv kritisch mit fremden und eigenen Ideen und Vorschlägen umzugehen. Ingenieure müssen grundsätzlich kritisch eingestellt sein, sie dürfen dabei aber nicht in die «Not invented here»-Falle tappen und alle fremden Ideen grundsätzlich abwerten. Sie dürfen selbstverliebt mit den eigenen Ideen umgehen. Ingenieure dürfen niemandem trauen, besonders sich selbst nicht, gleichzeitig müssen sie offen und neugierig sein, keine einfache Kombination.
 
Die Fähigkeit, mit Nachbardisziplinen konstruktiv zusammenzuarbeiten. Komplexe technische Probleme können oft nur noch durch mehrere Personen gelöst werden. Offenheit für deren Denkweise und Sprache ist deshalb nötig. Früher verworfene Ideen können im Lichte neuster Entwicklungen in anderen Gebieten plötzlich realisierbar werden. Ja man kann sogar behaupten, dass die grossen Durchbrüche immer mehr an den Schnittstellen der Disziplinen entstehen werden.
 
Ingenieure tragen mit ihren Produkten und Systemen eine grosse Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und der Umwelt. Falls es so etwas wie eine wertfreie Wissenschaft gibt, so ist dies bei der Technik sicher nicht mehr der Fall. Die Abschätzung der Folgen einer Produktentwicklung (Energie- und Materialverbrauch, CO2- und Schadstoffausstoss, Gefährdungspotenzial usw.) ist eine der zentralen Fragestellungen des Ingenieuralltags. Sinnvoll ist eine Neuentwicklung nur, wenn gravierende negative Konsequenzen vermieden werden. Hier müssen Ingenieure den Mut und das Selbstbewusstsein aufbringen, trotz ökonomischen oder anderen Pressionen ihren Kernauftrag zu erfüllen.
 
Und dann vielleicht das Wichtigste: die Kreativität, um noch nie untersuchte Ansätze zu entwickeln und zu realisieren. Die «sinnreiche Erfindung» («ingenium») bildet das Herzstück der Ingenieurtätigkeit. Sie kommt im spielerischen Umgang mit bestehenden Produkten, Verfahren und Theorien zustande. Die Einübung solcher kreativer Prozesse, die meist im Team erfolgen, müssen Teil der Ausbildung sein. Der Ingenieur ist auch ein Homo ludens, ein spielender Mensch eben. Seine Erfindungen sollen aber «sinnreich» sein, d. h. marktfähige Produkte oder Systeme hervorbringen. Ein «happy engineering», bei dem technische Höchstleistung erbracht wird, dessen Produkte aber von niemandem gekauft werden, ist schon vielen (auch schweizerischen) Firmen zum Verhängnis geworden.

Besonders der letzte Punkt ist jungen Menschen nicht einfach zu vermitteln. Selbstverständlich ist es attraktiv, einen technischen Rekord zu brechen (der schnellste Computer, der Verbrennungsmotor mit dem höchsten Wirkungsgrad, die längste freitragende Brücke der Welt usw.), aber langfristig und nachhaltig wird eine Firma nur erfolgreich sein, wenn ihre Produkte und Dienstleistungen so gut wie nötig und nicht so gut wie möglich sind.

. . . Fertigkeiten

Und hiermit ist ein Kernpunkt des Ingenieurberufs angeschnitten, welchen ihn klar von Wissenschaftern unterscheidet: Die Ökonomie ist ein integraler Teil der Denkwelt der Ingenieure. Der Ingenieur der Zukunft ist also nicht nur ein Homo faber, ein schaffender Mensch, sondern auch ein Homo oeconomicus, der den Nutzen maximiert und auf veränderliche Restriktionen reagiert. Dieser Aspekt lässt sich, im Gegensatz zu den eingangs erwähnten Kenntnissen nur sehr schwer vermitteln. Zudem ist die Zeit im Studium begrenzt und dessen Verlängerung weder sinnvoll noch machbar. Am besten werden deshalb die erwähnten Soft Skills im regulären Curriculum integriert und durch projektorientierte Lehrveranstaltungen, Praktika, Exkursionen usw. vertieft.

Was unterscheidet den Ingenieur der Zukunft von Max Frischs Walter Faber? Es sind vor allem die oben skizzierten Werthaltungen und Fertigkeiten, die ihm ermöglichen, die Welt in ihrer Komplexität zu verstehen, die Probleme und Möglichkeiten zu sehen, neue Lösungen zu entwickeln, Entscheidungen zu treffen und sie umzusetzen. Es ist ein weltoffener, positiv denkender Mensch, ein Homo faber, oeconomicus et ludens.

Seine Ausbildung als Ingenieur ist eine vielschichtige, aufwendige und intellektuell äusserst reizvolle Angelegenheit. Dieser Weg, der lange vor der Hochschule beginnt und nach der Hochschule noch lange nicht abgeschlossen ist, wird zum Glück von immer mehr jungen Menschen beschritten. Die Ausbildung einer nächsten hochkompetenten Generation von Ingenieuren ist für jede Gesellschaft zwar eine hochprofitable, aber keine unbedeutende Investition. In Zeiten immer knapper werdender Ressourcen muss jede Gesellschaft Prioritäten setzen. Hohe Investitionen in eine erstklassige Ingenieurausbildung sind nicht nur sinnvoll und lohnenswert, sondern auch eine notwendige Bedingung, wenn der wirtschaftliche und gesellschaftliche Erfolg eines Landes gesichert werden soll.

Lino Guzzella ist Professor im Departement Maschinenbau und Verfahrenstechnik der ETH Zürich. Christoph Niedermann ist Sekretär der Rektorin der ETH Zürich.








Dienstag, 29. Mai 2012

Kommt doch noch eine Politisierung der Piraten?

aus FAZ, 28. 5. 2012

Die Verflüssigung der Politik

Die Piraten wecken mit ihrem Stil und ihren digitalen Partizipationsmodellen große Hoffnungen. Nun sollte eine Phase der Politisierung folgen.

Aus der Distanz wirkt nicht so sehr das schmale Themenspektrum der Piraten interessant und erst recht nicht die Folklore ihres Personals, sondern die neue Praxis der Demokratie, die sie mit dem Internet gekommen sehen. Könnte das womöglich ein Ansatz sein, der weit über die Grenzen der deutschen Innenpolitik hinaus Folgen hat?

Anders als alle anderen Parteien vor ihnen, sind die Piraten ja nicht in erster Linie durch ihre Ziele definiert, sondern durch eine Methode: Das Internet soll die technischen Voraussetzungen dafür schaffen, dass jeder einzelne - zunächst jedes Parteimitglied, später womöglich jeder Bürger - über potentiell jedes Thema nicht nur urteilen, sondern auch entscheiden kann oder wahlweise einen Vertreter mit der Entscheidung beauftragen kann.

Diese Mischung aus Basisdemokratie und repräsentativer Demokratie, die früher aus praktischen Gründen undenkbar gewesen wäre, soll heute nur noch die Frage einer ausgefeilten Softwareentwicklung sein, an der die Partei vor allem in Berlin unter dem Stichwort „Liquid Democracy“ experimentiert.

 

Eine Perspektive mit Sprengstoff


Ist die Demokratie dann erst einmal auf solche Weise verflüssigt, ist die Auflösung der Parteien nur noch eine Frage der Zeit, und Partizipation und Repräsentation ordnen sich auf neue Weise. Man muss nicht alles für bare Münze nehmen, was Piratenfunktionäre in Interviews und Talkshows sagen, um den Sprengstoff auszumachen, den eine solche Perspektive selbst für Länder bedeuten könnte, die es bisher noch nicht zur Parteiendemokratie geschafft haben.

Doch die vielleicht merkwürdigste Eigenart der Piraten ist, dass sie an ihrer atemberaubendsten Innovation selber nur bedingt interessiert zu sein scheinen. Ihr Grundsatzprogramm hebt zwar mit den großen Worten an „Im Zuge der digitalen Revolution aller Lebensbereiche“, versackt dann aber erst mal in diversen Einzelthemen wie „informationelle Selbstbestimmung“, bevor es Seiten später dann wieder prinzipiell wird: „Die Piratenpartei sieht es als ihre Aufgabe an, die Anpassung der gelebten Demokratie in der Bundesrepublik an die neuen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts zu begleiten und zu gestalten“. Nähere Einblicke in die Gründe dieser Verdruckstheit liefert die Webseite Piratenwiki, auf der sich die Öffentlichkeit ein Bild von den Diskussionen der Partei machen können soll.


zum Thema

Dort findet sich eine Debatte über die im Jahr 2009 aufgeworfene Frage: „Sollte die Piratenpartei eine Vorreiterstellung bei der praktischen Umsetzung von Liquid Democracy einnehmen?“ Von den vierundzwanzig Parteimitgliedern, die sich bis Ende des Jahres an der Abstimmung, der laut Webseite „vor allem symbolischer Wert“ zukommt, beteiligten, waren zwanzig dafür, zwei dagegen und zwei enthielten sich. „Hört sich wirklich interessant an“, meint „Untino“, „ich habe mich da aber noch nicht so wirklich darüber informiert“. „Isabellchen“ dagegen weiß: „Mit einer richtigen, eigenen Web-Applikation wird das bestimmt super!“ Auch „Trublu“ findet: „Wir sollten es unbedingt ausprobieren. Bis zur vollen Reife wird aber vermutlich noch etwas Zeit vergehen.“

Es gab durchaus auch reflektierte Stellungnahmen. Der Gang der Diskussion zeigt aber, dass selbst dieses Thema, das man für den politischen Kern der Piraten halten könnte, für die Mitglieder der Partei in Wirklichkeit nachrangig, arbiträr ist. Am deutlichsten wird das bei der Position von „corsarxyz“, der seine Zustimmung nur mit strategischen Gesichtspunkten begründet: „Ich bin auf jeden Fall dabei, die Idee, die Piraten mit einer strukturellen Säule zu positionieren, ist absolut richtig, liegt voll in der Logik der inhaltlichen Ausrichtung und ist m.E. eine große Chance.“

 

Die Politik durch das Internet ersetzen


Was aber ist für die Piraten dann das Primäre, wenn selbst die neue Form der politischen Teilhabe, die sie verheißen, bloß eine „strukturelle Säule“ ist, mit der sie sich eventuell „positionieren“ könnten? Es scheint nichts anderes als das Internet selbst zu sein und das Bewusstsein des Neuen, das dessen Nutzung, mag diese auch schon jahrzehntelang gebräuchlich sein, offenbar immer noch mit sich bringt. So schnurrt der Anspruch, durch das Mittel des Internets eine neue Politik zu machen, auf das primäre Verlangen zusammen, die Politik durch das Internet zu ersetzen: Das Internet gilt als potentiell alles, also auch alles, was früher traditionell unter „Politik“ gefasst wurde: nicht nur alles Wissen der Welt, sondern auch alle deren Akteure sowie deren Mittel zur Intervention und Selbstbestimmung.

Gerade diese vorweggenommene Totalität ist aber zugleich ein blinder Fleck. Wer das Internet als das Ganze nimmt, kann nicht dessen Kontext sehen: zum Beispiel, worauf Johannes Thumfart jetzt in der „taz“ hingewiesen hat, die ökologischen Kosten des Netzes durch seinen gewaltigen Stromverbrauch, seine kulturindustrielle Manipulierbarkeit durch große Firmen, die Rechte sozialer und kultureller Minderheiten jenseits seines Mainstreams.

Zugleich bleibt das Internet für die Piraten bei aller digitalen Ganzheitlichkeit freilich ein Ort der Profilierung und Identitätsbildung, also der Abgrenzung. In einem Gespräch mit Jakob Augstein bekannte Marina Weisband, dass sie, die sich weder in ihrem Geburtsland, der Ukraine, noch in Deutschland völlig heimisch fühlt, im Internet „ein Zuhause gefunden“ habe. Ein internationalistisches, aber offenbar doch auch klar umrissenes Zuhause.

 

Programmatisches Hin- und Herpendeln


Die leicht entzündliche Wut, mit der Piraten und andere Netzaktivisten bis heute hin alle überziehen, die mit mehr oder weniger Ahnung die Realität des Internets kritisieren, zeugt davon, dass sie die Technik nach wie vor weniger als ein universelles Medium denn als partikularen Lebensstil verstehen. So pendelt das Selbstverständnis der Partei in Wirklichkeit zwischen dem eines Prototyps für eine neue Praxis der Demokratie und dem einer bloßen Interessenvertretung für Internetnutzer ständig hin und her.

Gerade das scheint ja auch ein Grund ihrer Attraktivität zu sein: So kann sich auch der zurückgezogenste Nerd im historischen Aufwind einer „alle Lebensbereiche“ und eben auch die Politik erfassenden Bewegung fühlen, und zugleich kann der politisch Ambitionierte dort einen vermeintlich praktischen Pack-An für seine Reformideen finden.

Man könnte sagen, diese Ambivalenz spiegele die Doppelgesichtigkeit des Internets selbst. Erst wenn alle Bürger online sind und die Meinungen und Informationen aus dem Netz mit der gleichen Geschwindigkeit und Feinnervigkeit verarbeiten wie die heutigen Piraten, kann die neue Demokratie ja funktionieren, und bis dahin muss man mit Themen wie Transparenz und Urheberrecht eben vor allem darum kämpfen, dass das Internet tatsächlich alle Lebensbereiche und alle Lebendigen erfasst. Doch dieser Aufschub stellt die politischen Ziele der Partei jenseits des Internets unter den Vorbehalt des nur bedingt ernst Gemeinten.

Das Hypothetische prägt auch die Methode der politischen Verarbeitung. „Wir sind es gewohnt, Artikel zu kommentieren“, so fasste Marina Weisband die Erfahrung ihrer durch das Internet geprägten Generation zusammen: „Wir sind mit dem Denken aufgewachsen: Ich kann auf offizielles Zeug reagieren. Ich frage mich, warum kann ich in der Politik nicht an einem Parteiprogramm mitschreiben oder Entscheidungen beeinflussen?“ Die Art und Weise, wie im Netz Artikel kommentiert werden, wie Meinungen und Informationen erzeugt, kombiniert, bewertet und weitergereicht werden, fungiert da also als Vorbild für die politische Entscheidungsfindung, mit all dem Ausprobierenden, Konjunktivischen und Anonymen, das dies bedeutet.

Die Piraten verheißen die Übertragung der Ent-Hierarchisierung, Ent-Ideologisierung, Transparenz und Beschleunigung des Wissens im Internet auf die politische Sphäre. Doch wenn die erste Motivation zur Politik keine politische Erfahrung, nicht die Stellungnahme zu einer politischen Lage bleibt, sondern bloß die Identifizierung mit einem technischen Medium, würde das Netz weniger denn eine Politisierung eine Entpolitisierung bewirken.

Gut möglich, dass das Internet, das ja schon die Gesellschaft verändert hat, dennoch eine neue Art Demokratie hervorbringen wird. Vielleicht kommt das aber erst mit einer Bewegung, die über ihre Interessen und ihren Zusammenhang aufgeklärter ist. „Konzept dafür habe ich bisher in groben Zügen im Kopf, folgt noch“, notierte Nutzer „Jasmasi“ auf Piratenwiki über seine Idee eines Vielparteiensystems direkter Repräsentanten ohne Regierung und ohne Opposition, das er „Computer-Demokratie“ nannte.


Nota.

Politisch würden die Piraten, wenn ihnen endlich dämmerte, dass das Wesen der digitalen Revolution nicht im Internet und nicht in der Kommunikation liegt, sondern in der Produktion selber - in der Revolutionierung der Arbeitsteilung. Nämlich so, dass neben den lediglich ausführenden Tätigkeiten nun auch noch die Tätigkeiten des Kombinierens und Planens von gescheiten Maschinen übernommen werden; also alles, was bis heute in einem spezifischen Sinn unter Arbeit verstanden wird - und noch ein Gutteil dessen, was bis heute als 'Unternehmerfunktion' gilt. Für die lebenden Menschen bliebe am Ende nur noch das Einbilden und Ausdenken übrig - was früher die Gründer und Erfinder besorgten. 

Politisch ist heute, wer dieser auf uns zurollenden Revolution gefasst und mit kühlem Kopf ins Auge blickt und die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Frage lenkt: Wie sollen wir uns darauf vorbereiten? Wer diese Frage nicht aufwirft, ist ipso facto unpolitisch - mithin alle heute im Bundetag vertretenen Parteien.

Das, lieber Mark Siemons, ist die "strukturelle Säule", die die Piraten vor allen andern auszeichnen sollte; nämlich bis die auch soweit sind. Welcher Tools sie sich dabei bedienen, ist eine Nebensache von rein pragmatischer Bedeutung.


J. E.

Sonntag, 27. Mai 2012

Aus David Graebers Wundertüte.

aus FAZ, 25. 5. 2012

Kommunismus oder Naturalwirtschaft?

Bei Maybrit Illner war am Donnerstagabend mit David Graeber ein Anarchist zu Gast. Etwas Besseres konnte der Sendung nicht passieren.

Von Frank Lübberding

David Graeber

Ob sich Gesine Lötzsch am Donnerstagabend verwundert die Augen gerieben hat? Die vor kurzem zurückgetretene Bundesvorsitzende der Linken hatte im Januar 2011 in der „Junge Welt“ einen Aufsatz über „Wege zum Kommunismus“ geschrieben. Er hatte ihr politisch schwer geschadet. Die Partei des nun erst gar nicht als ihr Nachfolger kandidierenden Oskar Lafontaine geriet in eine Debatte über ihre Vergangenheit: Mit Hinweisen auf Stalin, den Gulag, die Stasi und den Mauerbau.
Maybrit Illner fragte ihren Studiogast, den Anthropologen und Bestsellerautor David Graeber, mit der größten Selbstverständlichkeit nach seiner Alternative zum Kapitalismus: „Kommunismus oder Naturalwirtschaft?“ Die Reaktion des bayerischen Finanzminister Markus Söder von der CSU? Immerhin war ja vom Kommunismus die Rede gewesen. Er lud den amerikanischen Anarchisten und Aktivisten der „Occupy Wallstreet“-Bewegung nach München ein. Keineswegs um ihn den Experten des Kollegen Innenminister zur Observation anzuvertrauen. Er will ihm den Freistaat Bayern als Alternative zu Anarchismus, Sozialismus und Kommunismus vorstellen. Dem Land mit ausgeglichenen Haushalten und Vollbeschäftigung. Wo ein Industrie-Facharbeiter tatsächlich noch mehr zu verlieren hat als seine Ketten. Das könnte unter anderem an der IG Metall liegen. Vielleicht will ihm das Söder vor Ort näher erläutern.

 

Der Mensch steht plötzlich im Mittelpunkt


Was ist eigentlich zwischen dem Januar 2011 und dem Mai 2012 passiert? Ein Anarchist in einer politischen Talk-Show gerät nicht in das Mahlwerk jener strategischen Diskurse, die buchstäblich alles so lange klein schreddern bis auch der letzte Inhalt zu Staub geworden ist. Er wird von der CSU – oder war es die bayerische Staatsregierung? - nach München eingeladen. Frau Lötzsch bekanntlich nicht. Dabei las sich das Thema der Sendung durchaus konventionell: „Alle pfeifen auf die Schulden. Wer hört noch auf die Kanzlerin?“ Nun ist David Graeber in kurzer Zeit in Deutschland zum Star geworden. Jeder will ihn bei seinem Deutschland-Besuch interviewen. Sein Buch über 5.000 Jahre Schulden ist ein diffiziles Meisterwerk. Er stellt Schulden vom ökonomistischen Kopf auf die anthropologischen Füße. Der Mensch steht plötzlich im Mittelpunkt, nicht das Geld als das allgemeine Äquivalent, das ihn im Kapitalismus beherrscht. Man wäre gerne dabei gewesen, wie sich die drei bekannten Gesichter des Talk-Show-Betriebes auf diese Sendung vorbereitet haben. Außer Söder noch sein Berufspolitiker-Kollege von den Grünen, Jürgen Trittin, sowie der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Dresdner Bank, Herbert Walter. Schließlich ist ein Anarchist im deutschen Fernsehen bisher eine rare Erscheinung gewesen. Walter hatte Graebers Buch wohl gelesen, sogar eine Veranstaltung mit ihm besucht. Trittin dagegen war autobiographisch bestens gerüstet. Frau Illner war zwar diskret als sie vom Trittin „vor 30 Jahren“ sprach. Aber der „KB (Kommunistische Bund) Nord“ gehörte zur undogmatischen Neuen Linken, die mit den leninistischen Parteistrukturen wenig am Hut hatten, die ansonsten damals in Mode waren. Bei Söder bemerkte man dagegen, wie er nur darauf gewartet hatte, Graeber mit seiner Charme-Offensive zu beglücken.

 

Graebers radikale Kritik drohte fast unterzugehen


Unter Anarchie fällt den meisten Deutschen sicherlich nicht Bakunin und Kropotkin ein, sondern Chaos und Gewalt. Es ist fast ein Wunder, dass es in dieser Sendung nicht dazu kam, den Anarchismus – und damit auch Graeber – entsprechend zu desavouieren. Das hat natürlich Gründe. Der Zusammenbruch des Finanzkapitalismus 2008 und die Eurokrise haben die Legitimation eines Systems in Frage gestellt, das sich nur noch um sich selbst – sprich seine Schulden – dreht. Vielleicht vergeht einem die Lust an der Polemik, wenn Schulden seit Jahren nur noch umgebucht werden. Entweder vom Finanzsektor zum Staat, wie es Trittin deutlich machte, oder wie in Spanien via EZB von den Banken zum Staat, der damit wieder die Banken rettet. So das Argument von Walter. Letzterer wies darauf hin, dass das Wachstum seit den 1970er Jahren nur noch aus „Schuldenaufnahme“ resultiere. Graeber brauchte fast nichts zu sagen. Solche Argumente wirkten wie eine Bestätigung seiner Meinung, dass man Schulden auch streichen könne. Trittin bemerkte süffisant, wie sich die Zeiten geändert hätten. Heute säßen ein Banker und ein Anarchist nebeneinander und wären einer Meinung. Graebers radikale Kritik an den herrschenden Verhältnissen drohte dabei fast unterzugehen. Sein Ausgangspunkt ist nämlich die These, dass wir es heute in den parlamentarischen Demokratien mit einem System der institutionalisierten Korruption zu tun haben. Wo die Finanzindustrie in den USA mit der Politik und den Mainstream-Medien verschmolzen ist: Sie nur noch die Bedürfnisse der reichen 1 % bedienen. Das Opfer sind alle anderen, also die berühmten „99%“, die in jenem Kreislauf aus Schulden und niedrigen Einkommen sitzen, der Verzweiflung heißt.

 

„Orgie der Unvernunft“


Aber es gibt noch jenen politischen Alltag, der Eurokrise heißt, und mit Begriffen wie Fiskalpakt und Griechenland verbunden wird. Dann bleibt für Kommunismus oder Naturalwirtschaft keine Zeit. Oder doch? Frau Illner hatte mit Theodoros Paraskevopoulos einen Vertreter von „Syriza“ eingeladen. Das ist jene, in deutschen Medien zumeist als „linksradikal“ benannte Partei, die die Wahlen in Griechenland am 17. Juni gewinnen kann. Der promovierte Volkswirt machte deutlich, worum es dieser Partei nicht geht. Sie will tatsächlich die Schulden zurückzahlen und auch gegenüber der EU vertragstreu bleiben, aber aus einem Grund neu verhandeln: „Man kann seinen Schuldner nicht in den Ruin zwingen!“ Bei der EU-Krisenpolitik handele es sich um eine „Orgie der Unvernunft“. 

Griechenland könne unter diesen Bedingungen nicht seine Schulden zurückzahlen. Das sei keine „Erpressung“ der EU-Staaten, sondern objektiv unmöglich. Er wies auch auf die Ungereimtheiten der EU-Krisenpolitik hin. Etwa die griechischen Banken erst zu einem Schuldenschnitt zu zwingen, damit sie der griechische Staat anschließend mit neuen Schulden rekapitalisiert. Allerdings, so Paraskevopoulos, ohne dass der griechische Staat danach auf diese Banken Einfluss nehmen dürfe – und mit absehbaren Verlusten in Milliardenhöhe.

 

Eine Art Bildungsauftrag


Söder wies zwar mit guten Gründen auf den Einkommensanstieg in den Jahren vor der Krise hin, der von der Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft nicht gedeckt gewesen ist. Aber letztlich sieht er für Griechenland in der Eurozone keine Perspektive mehr. Wer schon mit einem „geordneten Prozess“ zum Ausstieg der Griechen aus der Eurozone beschäftigt ist, sieht die ewige Debatte über Schuld und Unschuld für das Desaster offenkundig gelassener. Jürgen Trittins Widerspruchsgeist hielt sich übrigens in Grenzen. Das galt umgekehrt auch für das Thema „Eurobonds“. Trittin plädierte dafür, das Thema aus der „ideologischen Ecke“ herauszuholen. Der sogenannte Tilgungsfonds für die europäischen Altschulden sei „eine Maßnahme gegen den Zinsdruck“. Eine schöne Formulierung. Söder betrachtete „Tilgungsfonds“ zwar als zu „kompliziert“, weil „der deutsche Arbeitnehmer das nicht versteht“. Aber seine Empörung hielt sich doch in Grenzen, sie erschien in diesem Kontext als eine Art Bildungsauftrag. Das gestrige Gespräch zum Fiskalpakt der Oppositionsparteien bei der Kanzlerin, auf die niemand mehr hört, muss in konstruktiver Atmosphäre verlaufen sein, so der Eindruck. Oder lag es doch an David Graeber?

Schließlich könnten deutsche Arbeitnehmer nach Lektüre seiner Bücher auf andere Ideen kommen als sie für gewöhnlich im Kanzleramt „bei Filterkaffee“ (Trittin) diskutiert werden. Seine Antwort auf Frau Illners Frage: „Kommunismus oder Naturalwirtschaft?“ war nämlich Demokratie. Graeber sollte aber ruhig die Einladung nach München annehmen. Wenn er Glück hat, zeigt ihm Horst Seehofer sogar seine Eisenbahn. Das wäre aber wohl ein anderes Thema. Oder wird dann der bayerische Ministerpräsident zum Anarchisten? Auszuschließen ist heute wahrscheinlich gar nichts mehr.



aus FAZ, 15. 5. 2012                                                                                                                      Mandevilles Bienenfabel

David Graebers Kapitalismuskritik  

Sklaven sind wir alle!

Im Naturzustand hatte man noch etwas füreinander übrig, dann kamen Geld, Gewalt und Sklaverei: In seinem von der Occupy-Bewegung gefeierten Werk „Schulden“ erzählt David Graeber die Geschichte vom bösen Kapitalismus.

Von Werner Plumpe




Kaum ein Text, der etwas mit der finanzwirtschaftlichen Malaise zu tun hat, kann sich einer ähnlichen Aufmerksamkeit erfreuen wie das seit dem Wochenende auch auf Deutsch vorliegende Schulden-Buch von David Graeber. In der globalisierungskritischen Szene ist der Autor prominent, und für die Occupy-Bewegung spielt der in London lehrende amerikanische Anthropologe eine geradezu herausragende Rolle. Mittlerweile aber hat seine Kritik an der „Schuldengesellschaft“ auch deren Mitte erreicht und wird dort geradezu enthusiastisch aufgegriffen. Denn Graeber verspricht nicht nur Aufklärung über die eigentlichen Ursachen der gegenwärtigen Schuldenkrise. Er bietet auch Orientierung in einem vermeintlich aus dem Ruder laufenden Kapitalismus.

Graeber tritt an, die vermeintliche Paradoxie aufzuklären, dass die einen ihre Schulden um jeden Preis bedienen müssen, während anderen unter die Arme gegriffen wird, von denen man nicht erwartet, sie würden je ihre Konten ausgleichen. Und diese Aufklärung soll helfen, Alternativen zum Kapitalismus aufzuzeigen. Denn eigentlich geht es Graeber um die Überwindung einer Schuldknechtschaft, die wir längst verinnerlicht haben. Für ihn hingegen ist es keineswegs selbstverständlich, seine Schulden zu akzeptieren und sie zurückzuzahlen. Glaube man das, sitze man nur den falschen Botschaften des Wirtschaftsliberalismus auf, nach welchen der Mensch von Natur aus ein am Eigennutzen orientiertes Wesen sei, das im Austausch und Wettbewerb mit anderen seine wirtschaftlichen Ziele verfolge, wobei ihm das Geld helfe, die Fesseln des Naturaltauschs abzustreifen und zu allgemeinem Tausch, Handel und Wohlstand zu finden. Das aber sei bloß ein „allgemein verbreiteter Mythos“. Nichts an der gegenwärtigen Ökonomie sei natürlich. „Die wahren Ursprünge des Geldes“, so Graeber, finden sich vielmehr, „bei Verbrechen und Vergeltung ..., bei Krieg und Sklaverei, Ehre, Schuld und Sühne.“

 

Böser Wucher statt „humaner Ökonomien“


Markt und Geld seien zerstörerisch, denn „ursprünglich lebten die Menschen in einem Naturzustand, in dem allen alles gemeinsam gehörte“, weiß Graeber. Diese Vorstellung eines „ursprünglichen Kommunismus“, der sich auch heute noch im Alltagskommunismus des Lebensvollzugs (“Rohstoff des Zusammenlebens“) finde, ist der Anker seiner Argumentation. Denn an diesen Naturzustand anschließend, habe es so etwas wie „humane Ökonomien“ gegeben, in denen die Menschen einander individuell in einer unaufhebbaren Weise verpflichtet gewesen seien.

Im Kontext dieser Ökonomien war die Entstehung von Geld ganz unwahrscheinlich. Evolutionäre Theorien der Geldentstehung lehnt Graeber deshalb ab. Stattdessen bezieht er sich auf Georg Friedrich Knapp und dessen Theorie, nach der das Geld stets Ausdruck staatlicher Setzung ist. Erst der Staat schaffe das Münzgeld, dadurch entstünden im eigentlichen Sinne erst Märkte, die ihrerseits staatliches Handeln provozierten. Mit der Einführung von Geld, mit der Verpflichtung, Steuern, Abgaben, dann auch geschäftliche und private Schulden zu monetarisieren, schließlich mit der Entstehung von Zins und Zinseszins würden dann die „humanen Ökonomien“ zerstört. Denn jetzt sei man dazu in der Lage, gegenseitige Verpflichtungen exakt zu beziffern und unter Umständen zu beenden. Der „Rohstoff des Zusammenlebens“, die asymmetrische und inkommensurable gegenseitige Verpflichtung, schwinde. In der nun entstehenden „kommerziellen Ökonomie“ würden aus Verpflichtungen in Geld ausdrückbare Schulden. Einzelne Gegenstände oder Personen würden aus ihren Beziehungen gelöst und käuflich. Die Versklavung von Menschen setze diese Entbindung voraus und bestätige sie zugleich. Sie sei daher auch der unmittelbarste Ausdruck dieser Art der Schuldenwirtschaft.

 

Die rechtliche Fassung von Sklaverei


Es ist aber nicht allein der Gewaltnexus, auf den Graeber abhebt. Die Art des Umgangs mit Verpflichtungen und Schuld, Sühne und Erlösung bestimme auch die Rechtfertigungsnarrative der Gesellschaften. Die von Graeber vorgestellten Theorien der Urschulden und ihre verschiedenen Ausprägungen seien hier nur erwähnt. Die unsystematische Zusammenstellung ethnologischen, anthropologischen und historischen Materials und seine „Passung“ zur Gedankenführung sind hier nicht zu überprüfen. Entscheidend ist vielmehr Graebers Bild von den griechischen und römischen Rechtsvorstellungen, in denen sich frühe kommerzielle Ökonomien gleichsam gespiegelt hätten.
Insbesondere das römische Eigentumsrecht und den zugehörigen Freiheitsbegriff hält Graeber geradezu für eine Übertragung der Grundidee einer Schuldenwirtschaft in allgemeine Rechtssätze. Deren Fortwirken bis in die Gegenwart ist für ihn daher das größte Verhängnis. Der „Individualismus“ des römischen Rechts, Freiheit als Bindungslosigkeit, Eigentum als Egoismus zu denken, sei die rechtliche Fassung von Sklaverei. Und nicht zuletzt über die Tradierung des römischen Rechts habe sich die normative Rechtfertigung der Sklavengesellschaft in unsere Gegenwart fortgeschrieben: „Wir sind zu einer Schuldengesellschaft geworden, weil das Erbe von Krieg, Eroberung und Sklaverei nie ganz verschwunden ist.“

 

„Freundliche Kaufmannsmoral“


Die Ausfaltung „kommerzieller Gesellschaften“ vollzog sich nach Graeber historisch in vier großen Schritten, die sich vor allen Dingen durch die Verfügbarkeit oder Nichtverfügbarkeit von Münzgeld unterschieden hätten. Alles Geld trenne, sei insofern diabolisch, aber virtuelles Geld weniger radikal als Münzgeld, da es zumindest noch Vertrauensreste voraussetze. In den älteren Gesellschaften bis etwa zum Beginn der klassischen Zeit herrschten Kreditsysteme vor. Erst in der griechisch-römischen Achsenzeit dominierte zunächst in lydisch-griechischer, dann in römischer Form das Münzgeld, und eine brutale Raub- und Sklavenwirtschaft sei nötig geworden, um dieses Bargeldsystem am Laufen zu halten.

Das Mittelalter wiederum habe einen Rückgang des Münzgeldes und ein Vordringen virtueller monetärer Beziehungen gesehen. Insbesondere in der islamischen Welt sei eine gezügelte, kreditbasierte Marktwirtschaft entstanden. Europa sei damals noch ein mehr oder minder barbarischer Ort gewesen, der sich nicht allein durch seine Rückständigkeit, sondern auch dadurch von der arabischen Welt unterschieden habe, dass man Kaufmannschaft und Handel viel misstrauischer betrachtet habe. Eine Art „freundliche Kaufmannsmoral“, die auf ein unaggressives Ausnutzen von Marktchancen setzte, wie im Islam vermeintlich typisch, sei in Europa nicht möglich gewesen.

 

Von Spielern und Apokalyptikern


Die Begleitmusik zu Europas weltgeschichtlichem Auftritt ist vielmehr die Gewalt. Europa ist für Graeber von Anfang an ein „ungewöhnlich gewalttätiger Kontinent“. In der nicht weiter hergeleiteten, geradezu vorausgesetzten Gewaltbereitschaft scheint für Graeber Europas einzige Besonderheit zu liegen, denn im sechzehnten Jahrhundert habe Europa allein bessere „Mittel der Seekriegsführung“ besessen. Überhaupt: „Im Laufe der Geschichte dürften viele Kulturen in der Lage gewesen sein, ähnlich großes Unheil anzurichten wie die europäischen Mächte im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert ... - doch kaum eine tat es.“

Europa war es auch, das die mittelalterliche Welt der gegenseitigen Kreditverpflichtungen durch seine Gier, an Münzgeld, an Gold und Silber zu kommen, brutal zerstörte. Die Aggressivität der europäischen Expansion seit dem sechzehnten Jahrhundert wird ausführlich geschildert. Auch vor der Ausbeutung der eigenen Bevölkerung sei die Obrigkeit nicht zurückgeschreckt. Der Bauernkrieg in Deutschland dient Graeber ebenso als Beispiel wie der Untergang ländlicher Kreditsysteme in Großbritannien.


Treibende Kraft der Veränderung der weltwirtschaftlichen Strukturen und damit der Entstehung eines in Europa und später in Nordamerika zentrierten Kapitalismus war in Graebers Sicht das Finanzkapital. Dieses Finanzkapital habe die europäische Aggression finanziert, die somit durch Schuldner getragen worden sei, deren Ziel es war, zu rauben, zu plündern oder andere zu Schuldsklaven zu machen. Der damit sich durchsetzende Kapitalismus ist in dieser Sicht ein sich ständig erneuerndes Schuldenverhältnis. Dass eine derartige Expansion eine eigentümliche Mischung aus Spielern und Apokalyptikern hervorgebracht habe, die zum einen alles auf eine Karte setzten, zum anderen stets mit dem Untergang des Systems rechneten, sei durchaus folgerichtig. Eine auf der Schuldversklavung des Menschen beruhende große Pokerpartie, die nicht enden darf - das ist für Graeber der im sechzehnten Jahrhundert entstandene Kapitalismus. Und genau dieser Zusammenhang werde durch unsere Vorstellungen von Eigentum, Freiheit und moralischer Verpflichtung unsichtbar gemacht.

 

Die diabolische Rolle des Geldes


Damit ist der Kreis der Argumentation geschlossen, doch ist die Geschichte nicht zu Ende. Denn Richard Nixons Weigerung von 1971, den Dollar weiterhin in Gold zu tauschen, markierte ja strenggenommen eine neuerliche Abkehr vom Münzgeld und schuf günstige Bedingungen für das Wiedererstehen vertrauensbasierter Kreditbeziehungen. Doch ist weder die aktuelle Finanzgeschichte hierfür ein Beleg; noch lässt sich die weitere Entwicklung prognostizieren, was Graeber auch gar nicht erst versucht. Die Finanzkrise der letzten Jahre, überhaupt die Entwicklung seit der Nachkriegszeit behandelt er nur noch kursorisch. Was kommt, ist nicht klar.

An dieser Argumentation ist viel zu loben, aber auch viel zu kritisieren. Die diabolische Rolle des Geldes, zugleich wirtschaftliche Kommunikation wahrscheinlicher zu machen und sie aus ihren sozialen Bezügen herauszulösen, haben viele Autoren - nicht zuletzt Georg Simmel und Niklas Luhmann - betont. Graebers Argument wird dadurch nicht schlechter, dass Teile von ihm nicht neu sind. Nur zwingt er sich dazu, kapitalistische Marktwirtschaften als Ergebnis von Gewaltakten zu erklären. Durch diesen Filter muss sein Material, und es ist dann gerade dessen Auswahl, die Zweifel aufkommen lässt.

 

Die andere Seite der Geschichte


Graeber hat zahllose, auch gute Beispiele für die zerstörerische Bedeutung geldwirtschaftlicher Beziehungen gefunden, aber deren Vorzüge schlicht weggelassen. Das mag man bei einer politischen Polemik akzeptieren. Bei einem Buch, das trotz allen Plaudertons einen gewissen wissenschaftlichen Anspruch erhebt, kann man es aber nicht durchgehen lassen. Es sind daher letztlich gar nicht so sehr die Fehler, die stören, sondern die Auslassungen sowie die ungeklärten Setzungen und Behauptungen. 

Vor allem zwingt sein argumentatives Konzept Graeber dazu, eine Art „Sündenfall“ der Geldschöpfung anzunehmen. Aber wieso kommt es überhaupt zur Auflösung der „humanen Ökonomien“? Wo kommen das „Böse“, der „Schuldenteufel“, der münzgeldgierige Staat her, die ja die treibenden Kräfte in Graebers Vorstellung von historischem Wandel zu sein scheinen? Wer konstituiert wann und unter welchen Bedingungen „kommerzielle Ökonomien“, „Schuldenwirtschaften“, „Sklaverei“? Reicht hier der Verweis auf die vermeintliche Gewaltaffinität der Europäer, die Expansionslust, Raubgier und Spielsucht ihres Finanzkapitals wirklich aus? Müsste dies nicht auch erst erklärt werden?

Graebers These überzeugt nicht, weil er die andere Seite der Geschichte des Geldes, durch die vieles plausibler wird, gar nicht erzählt. Was er wohl bewusst ignoriert, ist die Frage nach der Leistungsfähigkeit der jeweiligen ökonomischen Strukturen, die ja mit dem Hinweis auf deren Verknüpfung mit Schulden nicht erledigt ist. Dass Ökonomie immer auch Problemlösung ist, dass Menschen die ökonomischen Verhältnisse nach diesem Gesichtspunkt beurteilen, davon mag Graeber nicht reden. Denn dann müsste er zugestehen, dass die Geldverwendung eben auch Vorteile besaß, dass sie Arbeitsteilung und Handel wahrscheinlicher machte, dass gerade der liberale Kapitalismus die größte Wohlstandsvermehrung der Weltgeschichte ausgelöst hat.

 

Marx, Kulturkritik und Sehnsucht nach Harmonie


Historisch war das vielleicht nicht das letzte Wort, aber es war auch mehr als nichts. Die Welt vor der Entstehung des Kapitalismus, vor der Generalisierung des Geldverkehrs steckte in einer Art „Malthusianischen Falle“, in der Produktivitätsgewinne durch das Bevölkerungswachstum in der Regel wieder aufgezehrt wurden. Seit Beginn des Kapitalismus ist die Weltbevölkerung hingegen geradezu explosionsartig gewachsen. Dass heute sieben Milliarden Menschen leben können, verdankt sich auch den großen Produktivitätssteigerungen der letzten zweihundertfünfzig Jahre - und die wären ohne eine entsprechende Organisation von Arbeitsteilung und Markt, von Handel, Geld- und Kreditwirtschaft kaum möglich gewesen.

Das war nicht nur eine Folge von Gewalt und Ausplünderung, denn dann wäre Spanien reich geworden und geblieben. Entscheidend war, dass die weltwirtschaftlichen Impulse des sechzehnten bis achtzehnten Jahrhunderts eine außerordentliche Steigerung der industriellen Leistungsfähigkeit dort begleiteten, wo die Umstände für ihre Umsetzung in technische Problemlösungen günstig waren. Hier liegt das eigentliche „Wunder Europas“ (E. L. Jones) begründet: Es mag noch so bemerkenswert sein, auf ältere Spuren moderner Technik in Asien und im islamischen Raum zu verweisen: Wirklich entfaltet wurde sie erst in Großbritannien und von hier ausgehend auf dem europäischen Kontinent - aus eigenem Antrieb! Und erst diese Entfaltung ermöglichte, im Rahmen einer sich entwickelnden Kreditwirtschaft, die Durchsetzung jener industriellen Strukturen, von denen noch heute die massenhafte Herstellung, der Vertrieb und der Absatz auch von Büchern wie des vorliegenden profitieren. Erstmals in der Geschichte der Menschheit entstand ein Wirtschaftssystem, in dessen Kern der Massenkonsum steht. Das kann man kulturkritisch verachten oder mit Schuldenwirtschaft zu verbrämen suchen; der Befund ändert sich dadurch nicht.
Aus Graebers Text spricht eine Verlustklage, die aus der Tradition der europäischen Kulturkritik vertraut ist. Denn Graeber wirft dem Kapitalismus vor allem vor, den Menschen aus einer intakten Welt gegenseitiger Verpflichtungen vertrieben zu haben. Bindungslose Monaden seien wir geworden, bemessen allein nach Geldwert und zumeist Opfer, gelegentlich wohl auch Täter einer skrupellosen Schuldenwirtschaft, die unsere Bindungslosigkeit aufrechterhalte und vorantreibe. Hier schwingt ein genereller Vorbehalt gegen die moderne funktionale Differenzierung der Welt mit, gegen das Trennungsdenken, den Verlust der Tiefe und der Mitte, wie er seit dem neunzehnten Jahrhundert dem Kapitalismus und dem Individualismus noch stets vorgehalten wurde. Es ist eine eigentümliche Mischung aus Marx, Globalisierungsvorbehalten, Kulturkritik und Harmoniesehnsucht, die sich hier äußert und die sich der historischen Kritik im Grunde entzieht. Nur: Solange es zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des gegenwärtigen Kapitalismus reale Alternativen nicht gibt, behält Bernard Mandeville recht, der bereits zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts in seiner Bienenfabel das Dilemma dieser Art der Kritik auf den Punkt brachte: „Wer will, dass eine goldne Zeit / zurückkehrt / sollte nicht vergessen / man musste damals Eicheln fressen.“ Noch ist das gültig.

David Graeber: „Schulden“. Die ersten 5000 Jahre. Aus dem Englischen von Ursel Schäfer, Hans Freundl und Stephan Gebauer. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2012. 536 S., geb., 26,95 €.

 Gustave Courbet, Proudhon


Nota.

Marx hat umsonst gelebt. Sein eigentlich wissenschaftliches Lebenswerk, die Kritik der Politischen Ökonomie, verfolgte diesen einen praktischen, überwissenschaftlichen Zweck: die noch junge Arbeiterbewegung nach der Niederlage von 1848 aus den Träumerein zu wecken, durch Manipulationen in der Zirkulationssphäre den Kapitalismus auf sanftem Weg nach und nach fortkurieren zu können - indem erst wenige, dann immer mehr Erleuchtete im Verkehr untereinander das Geld abschaffen (und sich aus dem Politischen raushalten). Die Kritik der politischen Ökonomie wollte den Nachweis führen, dass das Kapital nicht - beim Austausch - aus dem Geld entstanden ist, sondern schon in der Produktion selbst, die auf der ungleichen Verteilung des Eigentums beruht - darauf nämlich, dass die Eigentümer der Arbeitskraft nicht zugleich über die Mittel verfügen, ihre Arbeitskraft in tauschbaren Produkten zu vergegenständlichen, sondern ihre Arbeitskraft selbst verkaufen müssen. Das sei kein ökonomisches, sondern ein politisches Problem.

Nach Pierre-Josephe Proudhons genossenschaftlichen Tauschbanken kräht heute kein Hahn mehr. Aber Marxens Nachweis über die Herkunft des Mehrwerts - das wahre Geheimnis des Kapitals - fiel auch in Vergessenheit. Da kann ein Argloser aus Amerika kommen und findet wieder einmal den Sündenfall in der Erfindung des Geldes, welches seinerseits in der falschen Meinungen der Menschen begründet ist. Die Erlösung lägge dann - habe ich das richtig verstanden? - in der Ausdehnung des ungestraften Schuldenmachens über das Eine Prozent hinaus auf die große Masse der kleinen Leute, die Neunundneunzig Prozent (die im Übrigen nur ihre Meinungen ändern müssen). Das kann ich mir eigentlich nicht denken, dass er das so gemeint hat. Muss ich sein Buch also selber lesen? Der Rezensent der FAZ hat mich dazu nicht ermutigt.

J.E.

P.S. Mir schwant, demnächst werden nach Proudhons Tauschbanken doch wieder allerhand Hähne  krähen und wohl auch Hennen gackern.