aus FAZ, 25. 5. 2012
Kommunismus oder Naturalwirtschaft?
Bei Maybrit Illner war am Donnerstagabend mit David Graeber ein
Anarchist zu Gast. Etwas Besseres konnte der Sendung nicht passieren.
Von
Frank Lübberding
Ob sich Gesine Lötzsch am Donnerstagabend
verwundert die Augen gerieben hat? Die vor kurzem zurückgetretene
Bundesvorsitzende der Linken hatte im Januar 2011 in der „Junge Welt“
einen Aufsatz über „Wege zum Kommunismus“ geschrieben. Er hatte ihr
politisch schwer geschadet. Die Partei des nun erst gar nicht als ihr
Nachfolger kandidierenden Oskar Lafontaine geriet in eine Debatte über
ihre Vergangenheit: Mit Hinweisen auf Stalin, den Gulag, die Stasi und
den Mauerbau.
Maybrit
Illner fragte ihren Studiogast, den Anthropologen und Bestsellerautor
David Graeber, mit der größten Selbstverständlichkeit nach seiner
Alternative zum Kapitalismus: „Kommunismus oder Naturalwirtschaft?“ Die
Reaktion des bayerischen Finanzminister Markus Söder von der CSU?
Immerhin war ja vom Kommunismus die Rede gewesen. Er lud den
amerikanischen Anarchisten und Aktivisten der „Occupy
Wallstreet“-Bewegung nach München ein. Keineswegs um ihn den Experten
des Kollegen Innenminister zur Observation anzuvertrauen. Er will ihm
den Freistaat Bayern als Alternative zu Anarchismus, Sozialismus und
Kommunismus vorstellen. Dem Land mit ausgeglichenen Haushalten und
Vollbeschäftigung. Wo ein Industrie-Facharbeiter tatsächlich noch mehr
zu verlieren hat als seine Ketten. Das könnte unter anderem an der IG
Metall liegen. Vielleicht will ihm das Söder vor Ort näher erläutern.
Der Mensch steht plötzlich im Mittelpunkt
Was
ist eigentlich zwischen dem Januar 2011 und dem Mai 2012 passiert? Ein
Anarchist in einer politischen Talk-Show gerät nicht in das Mahlwerk
jener strategischen Diskurse, die buchstäblich alles so lange klein
schreddern bis auch der letzte Inhalt zu Staub geworden ist. Er wird von
der CSU – oder war es die bayerische Staatsregierung? - nach München
eingeladen. Frau Lötzsch bekanntlich nicht. Dabei las sich das Thema der
Sendung durchaus konventionell: „Alle pfeifen auf die Schulden. Wer
hört noch auf die Kanzlerin?“ Nun ist David Graeber in kurzer Zeit in
Deutschland zum Star geworden. Jeder will ihn bei seinem
Deutschland-Besuch interviewen. Sein Buch über 5.000 Jahre Schulden ist
ein diffiziles Meisterwerk. Er stellt Schulden vom ökonomistischen Kopf
auf die anthropologischen Füße. Der Mensch steht plötzlich im
Mittelpunkt, nicht das Geld als das allgemeine Äquivalent, das ihn im
Kapitalismus beherrscht. Man wäre gerne dabei gewesen, wie sich die drei
bekannten Gesichter des Talk-Show-Betriebes auf diese Sendung
vorbereitet haben. Außer Söder noch sein Berufspolitiker-Kollege von den
Grünen, Jürgen Trittin, sowie der ehemalige Vorstandsvorsitzende der
Dresdner Bank, Herbert Walter. Schließlich ist ein Anarchist im
deutschen Fernsehen bisher eine rare Erscheinung gewesen. Walter hatte
Graebers Buch wohl gelesen, sogar eine Veranstaltung mit ihm besucht.
Trittin dagegen war autobiographisch bestens gerüstet. Frau Illner war
zwar diskret als sie vom Trittin „vor 30 Jahren“ sprach. Aber der „KB
(Kommunistische Bund) Nord“ gehörte zur undogmatischen Neuen Linken, die
mit den leninistischen Parteistrukturen wenig am Hut hatten, die
ansonsten damals in Mode waren. Bei Söder bemerkte man dagegen, wie er
nur darauf gewartet hatte, Graeber mit seiner Charme-Offensive zu
beglücken.
Graebers radikale Kritik drohte fast unterzugehen
Unter
Anarchie fällt den meisten Deutschen sicherlich nicht Bakunin und
Kropotkin ein, sondern Chaos und Gewalt. Es ist fast ein Wunder, dass es
in dieser Sendung nicht dazu kam, den Anarchismus – und damit auch
Graeber – entsprechend zu desavouieren. Das hat natürlich Gründe. Der
Zusammenbruch des Finanzkapitalismus 2008 und die Eurokrise haben die
Legitimation eines Systems in Frage gestellt, das sich nur noch um sich
selbst – sprich seine Schulden – dreht. Vielleicht vergeht einem die
Lust an der Polemik, wenn Schulden seit Jahren nur noch umgebucht
werden. Entweder vom Finanzsektor zum Staat, wie es Trittin deutlich
machte, oder wie in Spanien via EZB von den Banken zum Staat, der damit
wieder die Banken rettet. So das Argument von Walter. Letzterer wies
darauf hin, dass das Wachstum seit den 1970er Jahren nur noch aus
„Schuldenaufnahme“ resultiere. Graeber brauchte fast nichts zu sagen.
Solche Argumente wirkten wie eine Bestätigung seiner Meinung, dass man
Schulden auch streichen könne. Trittin bemerkte süffisant, wie sich die
Zeiten geändert hätten. Heute säßen ein Banker und ein Anarchist
nebeneinander und wären einer Meinung. Graebers radikale Kritik an den
herrschenden Verhältnissen drohte dabei fast unterzugehen. Sein
Ausgangspunkt ist nämlich die These, dass wir es heute in den
parlamentarischen Demokratien mit einem System der institutionalisierten
Korruption zu tun haben. Wo die Finanzindustrie in den USA mit der
Politik und den Mainstream-Medien verschmolzen ist: Sie nur noch die
Bedürfnisse der reichen 1 % bedienen. Das Opfer sind alle anderen, also
die berühmten „99%“, die in jenem Kreislauf aus Schulden und niedrigen
Einkommen sitzen, der Verzweiflung heißt.
„Orgie der Unvernunft“
Aber es gibt noch
jenen politischen Alltag, der Eurokrise heißt, und mit Begriffen wie
Fiskalpakt und Griechenland verbunden wird. Dann bleibt für Kommunismus
oder Naturalwirtschaft keine Zeit. Oder doch? Frau Illner hatte mit
Theodoros Paraskevopoulos einen Vertreter von „Syriza“ eingeladen. Das
ist jene, in deutschen Medien zumeist als „linksradikal“ benannte
Partei, die die Wahlen in Griechenland am 17. Juni gewinnen kann. Der
promovierte Volkswirt machte deutlich, worum es dieser Partei nicht
geht. Sie will tatsächlich die Schulden zurückzahlen und auch gegenüber
der EU vertragstreu bleiben, aber aus einem Grund neu verhandeln: „Man
kann seinen Schuldner nicht in den Ruin zwingen!“ Bei der
EU-Krisenpolitik handele es sich um eine „Orgie der Unvernunft“.
Griechenland könne unter diesen Bedingungen nicht seine Schulden
zurückzahlen. Das sei keine „Erpressung“ der EU-Staaten, sondern
objektiv unmöglich. Er wies auch auf die Ungereimtheiten der
EU-Krisenpolitik hin. Etwa die griechischen Banken erst zu einem
Schuldenschnitt zu zwingen, damit sie der griechische Staat anschließend
mit neuen Schulden rekapitalisiert. Allerdings, so Paraskevopoulos,
ohne dass der griechische Staat danach auf diese Banken Einfluss nehmen
dürfe – und mit absehbaren Verlusten in Milliardenhöhe.
Eine Art Bildungsauftrag
Söder wies zwar
mit guten Gründen auf den Einkommensanstieg in den Jahren vor der Krise
hin, der von der Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft nicht gedeckt
gewesen ist. Aber letztlich sieht er für Griechenland in der Eurozone
keine Perspektive mehr. Wer schon mit einem „geordneten Prozess“ zum
Ausstieg der Griechen aus der Eurozone beschäftigt ist, sieht die ewige
Debatte über Schuld und Unschuld für das Desaster offenkundig
gelassener. Jürgen Trittins Widerspruchsgeist hielt sich übrigens in
Grenzen. Das galt umgekehrt auch für das Thema „Eurobonds“. Trittin
plädierte dafür, das Thema aus der „ideologischen Ecke“ herauszuholen.
Der sogenannte Tilgungsfonds für die europäischen Altschulden sei „eine
Maßnahme gegen den Zinsdruck“. Eine schöne Formulierung. Söder
betrachtete „Tilgungsfonds“ zwar als zu „kompliziert“, weil „der
deutsche Arbeitnehmer das nicht versteht“. Aber seine Empörung hielt
sich doch in Grenzen, sie erschien in diesem Kontext als eine Art
Bildungsauftrag. Das gestrige Gespräch zum Fiskalpakt der
Oppositionsparteien bei der Kanzlerin, auf die niemand mehr hört, muss
in konstruktiver Atmosphäre verlaufen sein, so der Eindruck. Oder lag es
doch an David Graeber?
Schließlich könnten deutsche
Arbeitnehmer nach Lektüre seiner Bücher auf andere Ideen kommen als sie
für gewöhnlich im Kanzleramt „bei Filterkaffee“ (Trittin) diskutiert
werden. Seine Antwort auf Frau Illners Frage: „Kommunismus oder
Naturalwirtschaft?“ war nämlich Demokratie. Graeber sollte aber ruhig
die Einladung nach München annehmen. Wenn er Glück hat, zeigt ihm Horst
Seehofer sogar seine Eisenbahn. Das wäre aber wohl ein anderes Thema.
Oder wird dann der bayerische Ministerpräsident zum Anarchisten?
Auszuschließen ist heute wahrscheinlich gar nichts mehr.

aus FAZ, 15. 5. 2012 Mandevilles Bienenfabel
David Graebers Kapitalismuskritik
Sklaven sind wir alle!
Im Naturzustand hatte man noch etwas füreinander übrig, dann
kamen Geld, Gewalt und Sklaverei: In seinem von der Occupy-Bewegung
gefeierten Werk „Schulden“ erzählt David Graeber die Geschichte vom
bösen Kapitalismus.
Von
Werner Plumpe
Kaum ein Text, der etwas mit der
finanzwirtschaftlichen Malaise zu tun hat, kann sich einer ähnlichen
Aufmerksamkeit erfreuen wie das seit dem Wochenende auch auf Deutsch
vorliegende Schulden-Buch von David Graeber. In der
globalisierungskritischen Szene ist der Autor prominent, und für die
Occupy-Bewegung spielt der in London lehrende amerikanische Anthropologe
eine geradezu herausragende Rolle. Mittlerweile aber hat seine Kritik
an der „Schuldengesellschaft“ auch deren Mitte erreicht und wird dort
geradezu enthusiastisch aufgegriffen. Denn Graeber verspricht nicht nur
Aufklärung über die eigentlichen Ursachen der gegenwärtigen
Schuldenkrise. Er bietet auch Orientierung in einem vermeintlich aus dem
Ruder laufenden Kapitalismus.
Graeber tritt an, die vermeintliche Paradoxie
aufzuklären, dass die einen ihre Schulden um jeden Preis bedienen
müssen, während anderen unter die Arme gegriffen wird, von denen man
nicht erwartet, sie würden je ihre Konten ausgleichen. Und diese
Aufklärung soll helfen, Alternativen zum Kapitalismus aufzuzeigen. Denn
eigentlich geht es Graeber um die Überwindung einer Schuldknechtschaft,
die wir längst verinnerlicht haben. Für ihn hingegen ist es keineswegs
selbstverständlich, seine Schulden zu akzeptieren und sie
zurückzuzahlen. Glaube man das, sitze man nur den falschen Botschaften
des Wirtschaftsliberalismus auf, nach welchen der Mensch von Natur aus
ein am Eigennutzen orientiertes Wesen sei, das im Austausch und
Wettbewerb mit anderen seine wirtschaftlichen Ziele verfolge, wobei ihm
das Geld helfe, die Fesseln des Naturaltauschs abzustreifen und zu
allgemeinem Tausch, Handel und Wohlstand zu finden. Das aber sei bloß
ein „allgemein verbreiteter Mythos“. Nichts an der gegenwärtigen
Ökonomie sei natürlich. „Die wahren Ursprünge des Geldes“, so Graeber,
finden sich vielmehr, „bei Verbrechen und Vergeltung ..., bei Krieg und
Sklaverei, Ehre, Schuld und Sühne.“
Böser Wucher statt „humaner Ökonomien“
Markt
und Geld seien zerstörerisch, denn „ursprünglich lebten die Menschen in
einem Naturzustand, in dem allen alles gemeinsam gehörte“, weiß
Graeber. Diese Vorstellung eines „ursprünglichen Kommunismus“, der sich
auch heute noch im Alltagskommunismus des Lebensvollzugs (“Rohstoff des
Zusammenlebens“) finde, ist der Anker seiner Argumentation. Denn an
diesen Naturzustand anschließend, habe es so etwas wie „humane
Ökonomien“ gegeben, in denen die Menschen einander individuell in einer
unaufhebbaren Weise verpflichtet gewesen seien.
Im Kontext dieser Ökonomien war die Entstehung von
Geld ganz unwahrscheinlich. Evolutionäre Theorien der Geldentstehung
lehnt Graeber deshalb ab. Stattdessen bezieht er sich auf Georg
Friedrich Knapp und dessen Theorie, nach der das Geld stets Ausdruck
staatlicher Setzung ist. Erst der Staat schaffe das Münzgeld, dadurch
entstünden im eigentlichen Sinne erst Märkte, die ihrerseits staatliches
Handeln provozierten. Mit der Einführung von Geld, mit der
Verpflichtung, Steuern, Abgaben, dann auch geschäftliche und private
Schulden zu monetarisieren, schließlich mit der Entstehung von Zins und
Zinseszins würden dann die „humanen Ökonomien“ zerstört. Denn jetzt sei
man dazu in der Lage, gegenseitige Verpflichtungen exakt zu beziffern
und unter Umständen zu beenden. Der „Rohstoff des Zusammenlebens“, die
asymmetrische und inkommensurable gegenseitige Verpflichtung, schwinde.
In der nun entstehenden „kommerziellen Ökonomie“ würden aus
Verpflichtungen in Geld ausdrückbare Schulden. Einzelne Gegenstände oder
Personen würden aus ihren Beziehungen gelöst und käuflich. Die
Versklavung von Menschen setze diese Entbindung voraus und bestätige sie
zugleich. Sie sei daher auch der unmittelbarste Ausdruck dieser Art der
Schuldenwirtschaft.
Die rechtliche Fassung von Sklaverei
Es ist
aber nicht allein der Gewaltnexus, auf den Graeber abhebt. Die Art des
Umgangs mit Verpflichtungen und Schuld, Sühne und Erlösung bestimme auch
die Rechtfertigungsnarrative der Gesellschaften. Die von Graeber
vorgestellten Theorien der Urschulden und ihre verschiedenen
Ausprägungen seien hier nur erwähnt. Die unsystematische
Zusammenstellung ethnologischen, anthropologischen und historischen
Materials und seine „Passung“ zur Gedankenführung sind hier nicht zu
überprüfen. Entscheidend ist vielmehr Graebers Bild von den griechischen
und römischen Rechtsvorstellungen, in denen sich frühe kommerzielle
Ökonomien gleichsam gespiegelt hätten.
Insbesondere das römische Eigentumsrecht und den
zugehörigen Freiheitsbegriff hält Graeber geradezu für eine Übertragung
der Grundidee einer Schuldenwirtschaft in allgemeine Rechtssätze. Deren
Fortwirken bis in die Gegenwart ist für ihn daher das größte Verhängnis.
Der „Individualismus“ des römischen Rechts, Freiheit als
Bindungslosigkeit, Eigentum als Egoismus zu denken, sei die rechtliche
Fassung von Sklaverei. Und nicht zuletzt über die Tradierung des
römischen Rechts habe sich die normative Rechtfertigung der
Sklavengesellschaft in unsere Gegenwart fortgeschrieben: „Wir sind zu
einer Schuldengesellschaft geworden, weil das Erbe von Krieg, Eroberung
und Sklaverei nie ganz verschwunden ist.“
„Freundliche Kaufmannsmoral“
Die Ausfaltung
„kommerzieller Gesellschaften“ vollzog sich nach Graeber historisch in
vier großen Schritten, die sich vor allen Dingen durch die Verfügbarkeit
oder Nichtverfügbarkeit von Münzgeld unterschieden hätten. Alles Geld
trenne, sei insofern diabolisch, aber virtuelles Geld weniger radikal
als Münzgeld, da es zumindest noch Vertrauensreste voraussetze. In den
älteren Gesellschaften bis etwa zum Beginn der klassischen Zeit
herrschten Kreditsysteme vor. Erst in der griechisch-römischen
Achsenzeit dominierte zunächst in lydisch-griechischer, dann in
römischer Form das Münzgeld, und eine brutale Raub- und
Sklavenwirtschaft sei nötig geworden, um dieses Bargeldsystem am Laufen
zu halten.
Das Mittelalter wiederum habe einen Rückgang des
Münzgeldes und ein Vordringen virtueller monetärer Beziehungen gesehen.
Insbesondere in der islamischen Welt sei eine gezügelte, kreditbasierte
Marktwirtschaft entstanden. Europa sei damals noch ein mehr oder minder
barbarischer Ort gewesen, der sich nicht allein durch seine
Rückständigkeit, sondern auch dadurch von der arabischen Welt
unterschieden habe, dass man Kaufmannschaft und Handel viel
misstrauischer betrachtet habe. Eine Art „freundliche Kaufmannsmoral“,
die auf ein unaggressives Ausnutzen von Marktchancen setzte, wie im
Islam vermeintlich typisch, sei in Europa nicht möglich gewesen.
Von Spielern und Apokalyptikern
Die
Begleitmusik zu Europas weltgeschichtlichem Auftritt ist vielmehr die
Gewalt. Europa ist für Graeber von Anfang an ein „ungewöhnlich
gewalttätiger Kontinent“. In der nicht weiter hergeleiteten, geradezu
vorausgesetzten Gewaltbereitschaft scheint für Graeber Europas einzige
Besonderheit zu liegen, denn im sechzehnten Jahrhundert habe Europa
allein bessere „Mittel der Seekriegsführung“ besessen. Überhaupt: „Im
Laufe der Geschichte dürften viele Kulturen in der Lage gewesen sein,
ähnlich großes Unheil anzurichten wie die europäischen Mächte im
sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert ... - doch kaum eine tat es.“
Europa war es auch, das die mittelalterliche Welt
der gegenseitigen Kreditverpflichtungen durch seine Gier, an Münzgeld,
an Gold und Silber zu kommen, brutal zerstörte. Die Aggressivität der
europäischen Expansion seit dem sechzehnten Jahrhundert wird ausführlich
geschildert. Auch vor der Ausbeutung der eigenen Bevölkerung sei die
Obrigkeit nicht zurückgeschreckt. Der Bauernkrieg in Deutschland dient
Graeber ebenso als Beispiel wie der Untergang ländlicher Kreditsysteme
in Großbritannien.
Treibende Kraft der Veränderung der
weltwirtschaftlichen Strukturen und damit der Entstehung eines in Europa
und später in Nordamerika zentrierten Kapitalismus war in Graebers
Sicht das Finanzkapital. Dieses Finanzkapital habe die europäische
Aggression finanziert, die somit durch Schuldner getragen worden sei,
deren Ziel es war, zu rauben, zu plündern oder andere zu Schuldsklaven
zu machen. Der damit sich durchsetzende Kapitalismus ist in dieser Sicht
ein sich ständig erneuerndes Schuldenverhältnis. Dass eine derartige
Expansion eine eigentümliche Mischung aus Spielern und Apokalyptikern
hervorgebracht habe, die zum einen alles auf eine Karte setzten, zum
anderen stets mit dem Untergang des Systems rechneten, sei durchaus
folgerichtig. Eine auf der Schuldversklavung des Menschen beruhende
große Pokerpartie, die nicht enden darf - das ist für Graeber der im
sechzehnten Jahrhundert entstandene Kapitalismus. Und genau dieser
Zusammenhang werde durch unsere Vorstellungen von Eigentum, Freiheit und
moralischer Verpflichtung unsichtbar gemacht.
Die diabolische Rolle des Geldes
Damit ist
der Kreis der Argumentation geschlossen, doch ist die Geschichte nicht
zu Ende. Denn Richard Nixons Weigerung von 1971, den Dollar weiterhin in
Gold zu tauschen, markierte ja strenggenommen eine neuerliche Abkehr
vom Münzgeld und schuf günstige Bedingungen für das Wiedererstehen
vertrauensbasierter Kreditbeziehungen. Doch ist weder die aktuelle
Finanzgeschichte hierfür ein Beleg; noch lässt sich die weitere
Entwicklung prognostizieren, was Graeber auch gar nicht erst versucht.
Die Finanzkrise der letzten Jahre, überhaupt die Entwicklung seit der
Nachkriegszeit behandelt er nur noch kursorisch. Was kommt, ist nicht
klar.
An dieser Argumentation ist viel zu loben, aber
auch viel zu kritisieren. Die diabolische Rolle des Geldes, zugleich
wirtschaftliche Kommunikation wahrscheinlicher zu machen und sie aus
ihren sozialen Bezügen herauszulösen, haben viele Autoren - nicht
zuletzt Georg Simmel und Niklas Luhmann - betont. Graebers Argument wird
dadurch nicht schlechter, dass Teile von ihm nicht neu sind. Nur zwingt
er sich dazu, kapitalistische Marktwirtschaften als Ergebnis von
Gewaltakten zu erklären. Durch diesen Filter muss sein Material, und es
ist dann gerade dessen Auswahl, die Zweifel aufkommen lässt.
Die andere Seite der Geschichte
Graeber hat
zahllose, auch gute Beispiele für die zerstörerische Bedeutung
geldwirtschaftlicher Beziehungen gefunden, aber deren Vorzüge schlicht
weggelassen. Das mag man bei einer politischen Polemik akzeptieren. Bei
einem Buch, das trotz allen Plaudertons einen gewissen
wissenschaftlichen Anspruch erhebt, kann man es aber nicht durchgehen
lassen. Es sind daher letztlich gar nicht so sehr die Fehler, die
stören, sondern die Auslassungen sowie die ungeklärten Setzungen und
Behauptungen.
Vor allem zwingt sein argumentatives Konzept Graeber dazu,
eine Art „Sündenfall“ der Geldschöpfung anzunehmen. Aber wieso kommt es
überhaupt zur Auflösung der „humanen Ökonomien“? Wo kommen das „Böse“,
der „Schuldenteufel“, der münzgeldgierige Staat her, die ja die
treibenden Kräfte in Graebers Vorstellung von historischem Wandel zu
sein scheinen? Wer konstituiert wann und unter welchen Bedingungen
„kommerzielle Ökonomien“, „Schuldenwirtschaften“, „Sklaverei“? Reicht
hier der Verweis auf die vermeintliche Gewaltaffinität der Europäer, die
Expansionslust, Raubgier und Spielsucht ihres Finanzkapitals wirklich
aus? Müsste dies nicht auch erst erklärt werden?
Graebers These überzeugt nicht, weil er die andere
Seite der Geschichte des Geldes, durch die vieles plausibler wird, gar
nicht erzählt. Was er wohl bewusst ignoriert, ist die Frage nach der
Leistungsfähigkeit der jeweiligen ökonomischen Strukturen, die ja mit
dem Hinweis auf deren Verknüpfung mit Schulden nicht erledigt ist. Dass
Ökonomie immer auch Problemlösung ist, dass Menschen die ökonomischen
Verhältnisse nach diesem Gesichtspunkt beurteilen, davon mag Graeber
nicht reden. Denn dann müsste er zugestehen, dass die Geldverwendung
eben auch Vorteile besaß, dass sie Arbeitsteilung und Handel
wahrscheinlicher machte, dass gerade der liberale Kapitalismus die
größte Wohlstandsvermehrung der Weltgeschichte ausgelöst hat.
Marx, Kulturkritik und Sehnsucht nach Harmonie
Historisch
war das vielleicht nicht das letzte Wort, aber es war auch mehr als
nichts. Die Welt vor der Entstehung des Kapitalismus, vor der
Generalisierung des Geldverkehrs steckte in einer Art „Malthusianischen
Falle“, in der Produktivitätsgewinne durch das Bevölkerungswachstum in
der Regel wieder aufgezehrt wurden. Seit Beginn des Kapitalismus ist die
Weltbevölkerung hingegen geradezu explosionsartig gewachsen. Dass heute
sieben Milliarden Menschen leben können, verdankt sich auch den großen
Produktivitätssteigerungen der letzten zweihundertfünfzig Jahre - und
die wären ohne eine entsprechende Organisation von Arbeitsteilung und
Markt, von Handel, Geld- und Kreditwirtschaft kaum möglich gewesen.
Das war nicht nur eine Folge von Gewalt und
Ausplünderung, denn dann wäre Spanien reich geworden und geblieben.
Entscheidend war, dass die weltwirtschaftlichen Impulse des sechzehnten
bis achtzehnten Jahrhunderts eine außerordentliche Steigerung der
industriellen Leistungsfähigkeit dort begleiteten, wo die Umstände für
ihre Umsetzung in technische Problemlösungen günstig waren. Hier liegt
das eigentliche „Wunder Europas“ (E. L. Jones) begründet: Es mag noch so
bemerkenswert sein, auf ältere Spuren moderner Technik in Asien und im
islamischen Raum zu verweisen: Wirklich entfaltet wurde sie erst in
Großbritannien und von hier ausgehend auf dem europäischen Kontinent -
aus eigenem Antrieb! Und erst diese Entfaltung ermöglichte, im Rahmen
einer sich entwickelnden Kreditwirtschaft, die Durchsetzung jener
industriellen Strukturen, von denen noch heute die massenhafte
Herstellung, der Vertrieb und der Absatz auch von Büchern wie des
vorliegenden profitieren. Erstmals in der Geschichte der Menschheit
entstand ein Wirtschaftssystem, in dessen Kern der Massenkonsum steht.
Das kann man kulturkritisch verachten oder mit Schuldenwirtschaft zu
verbrämen suchen; der Befund ändert sich dadurch nicht.
Aus
Graebers Text spricht eine Verlustklage, die aus der Tradition der
europäischen Kulturkritik vertraut ist. Denn Graeber wirft dem
Kapitalismus vor allem vor, den Menschen aus einer intakten Welt
gegenseitiger Verpflichtungen vertrieben zu haben. Bindungslose Monaden
seien wir geworden, bemessen allein nach Geldwert und zumeist Opfer,
gelegentlich wohl auch Täter einer skrupellosen Schuldenwirtschaft, die
unsere Bindungslosigkeit aufrechterhalte und vorantreibe. Hier schwingt
ein genereller Vorbehalt gegen die moderne funktionale Differenzierung
der Welt mit, gegen das Trennungsdenken, den Verlust der Tiefe und der
Mitte, wie er seit dem neunzehnten Jahrhundert dem Kapitalismus und dem
Individualismus noch stets vorgehalten wurde. Es ist eine eigentümliche
Mischung aus Marx, Globalisierungsvorbehalten, Kulturkritik und
Harmoniesehnsucht, die sich hier äußert und die sich der historischen
Kritik im Grunde entzieht. Nur: Solange es zur wirtschaftlichen
Leistungsfähigkeit des gegenwärtigen Kapitalismus reale Alternativen
nicht gibt, behält Bernard Mandeville recht, der bereits zu Beginn des
achtzehnten Jahrhunderts in seiner Bienenfabel das Dilemma dieser Art
der Kritik auf den Punkt brachte: „Wer will, dass eine goldne Zeit /
zurückkehrt / sollte nicht vergessen / man musste damals Eicheln
fressen.“ Noch ist das gültig.
David Graeber: „Schulden“. Die ersten 5000 Jahre. Aus
dem Englischen von Ursel Schäfer, Hans Freundl und Stephan Gebauer.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2012. 536 S., geb., 26,95 €.
Gustave Courbet, Proudhon
Nota.
Marx hat umsonst gelebt. Sein eigentlich wissenschaftliches Lebenswerk, die Kritik der Politischen Ökonomie, verfolgte diesen einen praktischen, überwissenschaftlichen Zweck: die noch junge Arbeiterbewegung nach der Niederlage von 1848 aus den Träumerein zu wecken, durch Manipulationen in der Zirkulationssphäre den Kapitalismus auf sanftem Weg nach und nach fortkurieren zu können - indem erst wenige, dann immer mehr Erleuchtete im Verkehr untereinander das Geld abschaffen (und sich aus dem Politischen raushalten). Die Kritik der politischen Ökonomie wollte den Nachweis führen, dass das Kapital nicht - beim Austausch - aus dem Geld entstanden ist, sondern schon in der Produktion selbst, die auf der ungleichen Verteilung des Eigentums beruht - darauf nämlich, dass die Eigentümer der Arbeitskraft nicht zugleich über die Mittel verfügen, ihre Arbeitskraft in tauschbaren Produkten zu vergegenständlichen, sondern ihre Arbeitskraft selbst verkaufen müssen. Das sei kein ökonomisches, sondern ein politisches Problem.
Nach Pierre-Josephe Proudhons genossenschaftlichen Tauschbanken kräht heute kein Hahn mehr. Aber Marxens Nachweis über die Herkunft des Mehrwerts - das wahre Geheimnis des Kapitals - fiel auch in Vergessenheit. Da kann ein Argloser aus Amerika kommen und findet wieder einmal den Sündenfall in der Erfindung des Geldes, welches seinerseits in der falschen Meinungen der Menschen begründet ist. Die Erlösung lägge dann - habe ich das richtig verstanden? - in der Ausdehnung des ungestraften Schuldenmachens über das Eine Prozent hinaus auf die große Masse der kleinen Leute, die Neunundneunzig Prozent (die im Übrigen nur ihre Meinungen ändern müssen). Das kann ich mir eigentlich nicht denken, dass er das so gemeint hat. Muss ich sein Buch also selber lesen? Der Rezensent der FAZ hat mich dazu nicht ermutigt.
J.E.
P.S. Mir schwant, demnächst werden nach Proudhons Tauschbanken doch wieder allerhand Hähne krähen und wohl auch Hennen gackern.