Mittwoch, 29. Dezember 2010

Schneller lesen - auch eine digitale Revolution.


aus Neue Zürcher Zeitung, 29, 12. 2010




Immer zahlreicher werden Bücher und Handschriften digitalisiert und ins Netz gestellt - mit ungewissen Folgen


Ob Heinrich Heines Werke oder neuerdings Goethes Briefe an Charlotte von Stein: Immer häufiger werden Handschriften und Bücher digitalisiert und im Internet frei zugänglich gemacht. Unser Umgang mit diesen Texten bleibt davon nicht unbeeinflusst.

Von Roman Bucheli

Der italienische Semiotiker Umberto Eco hatte Ende der achtziger Jahre in seinem Buch «Lector in fabula» den keineswegs naheliegenden Unterschied gemacht zwischen dem Lesen und dem Benutzen eines Textes. Wer lese, so Ecos Argumentation in Kurzform, befrage ein Werk nach seiner Intention; wer hingegen einen Text benutze, dem gehe es um ganz eigene, textfremde Absichten: Er suche nach Beweisstücken oder Indizien für Thesen, die mit dem Werk selber im Übrigen wenig oder nichts zu tun haben. Das genaue und emphatische Lesen (man kann es auch zweckfreies Lesen nennen) dürfte in den letzten Jahren etwas aus der Mode gekommen sein. Auf dem Vormarsch dagegen befinden sich die Benutzer der Texte.

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Dienstag, 28. Dezember 2010

Das Netz wird euch frei machen

aus Neue Zürcher Zeitung, 28. 12. 2010


Drei neue Bücher 
über Versprechen, Hoffnungen und Gefahren des Internetzeitalters


Uwe Justus Wenzel · Es war eines der nicht wenigen Befreiungsversprechen des zwanzigsten Jahrhunderts - eines, das seinen Glanz noch immer nicht ganz verloren hat. Genaugenommen sind es zwei Versprechen. Das erste lautet: «Die universale Maschine wird euch frei machen.» Das zweite: «Die universale Kommunikation wird euch frei machen.» Zusammengefunden haben die beiden Verheissungen in der Vision einer weltumspannenden Netzkultur. Das universale Netz der Computernetze, so die Hoffnung, beschere uns den freien Fluss der Informationen, Gedanken, Meinungen, Ideen, Bilder - und mit diesem Fluss auch den zu sich selbst befreiten Menschen, die Assoziation selbstbestimmter, aufgeklärter, kreativer, jedenfalls in ständigem Austausch miteinander begriffener Individuen. Von solcher Hoffnung nähren sich auf ihre Weise auch noch Projekte wie Wikileaks.


Verdrahtet - und verblödet?


Hochfliegende Phantasien können naturgemäss tief abstürzen. Zwar frisst die «digitale Revolution» nicht geradezu ihre Kinder, aber manche Kinder werden erwachsen und reiben sich die Augen oder halten sich den Kopf, der vom permanenten Auf-Draht-Sein brummt. Selten jedoch schlägt jemand die Hände vors Gesicht oder ruft danach, das Internet «abzuschalten». - Noch phantastischer nämlich als die Erwartung, ein gemeinsames elektronisches Nervenkostüm werde die Menschheit in ein höheres Entwicklungs- stadium befördern, mutet die Überlegung an, man könne sich dieser folgenreichen Vollverdrahtung, wenn man nur wolle, doch auch wieder entledigen.

Nicholas Carr, der sich als Netzkulturkritiker in den letzten Jahren einen Namen gemacht hat, möchte offenbar nicht als Phantast gelten, der das Unmögliche verlangt. Aber seine Kritik an der netzförmig sich ausbreitenden Verblödung geht recht weit. Mit seinem Artikel «Is Google Making Us Stupid? - What the Internet is doing to our brains» im Magazin «The Atlantic» vom Sommer 2008 hat der einstige Herausgeber der «Harvard Business Review» eine Kontroverse entfacht, die andauert. Aus dem Aufsatz, der an ein Buch anschloss, ist ein weiteres Buch erwachsen, das kürzlich sowohl im amerikanischen Original wie auch in der deutschen Übersetzung erschienen ist.

Wie das Internet unser Denken verändere, ist die Frage, die im Untertitel gestellt wird. Keine der gegebenen Antworten geht im Grundsätzlichen über das wesentlich hinaus, was Marshall McLuhan, der prophetische Analytiker des «elektrischen Zeitalters», bereits vor einem halben Jahrhundert kommen sehen hat. Carr erweist McLuhan, wie es sich gehört, die Reverenz. Im Weiteren und Konkreten allerdings stützt er sich auf neuere psychologische Befunde und, wie der Zeitgeist es gebietet, auf Ergebnisse der Hirnforschung. Die Geschichte eines misslungenen Befreiungsversuchs lässt sich etwa im Blick auf den als altmodisch verschrienen «linearen Text» studieren, gegen den die Utopie des «Hypertextes» sich in Stellung gebracht hat: Weil auch der menschliche Geist - vulgo: das Gehirn - nicht linear arbeite, sondern vernetzt und assoziativ, darum werde das computergestützte Lesen, das im Cyberspace von Link zu Link springt, um «zusätzliche Informationen» zu ergattern, das Lernen erleichtern und das «Leseerlebnis» bereichern.

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Nicholas Carr: Wer bin ich, wenn ich online bin, und was macht mein Gehirn so lange? Wie das Internet unser Denken verändert. Aus dem amerikanischen Englisch von Henning Dedekind. Verlag Carl Blessing, München 2010. 383 S., Fr. 33.90.
 
Viktor Mayer-Schönberger: Delete. Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten. Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Kamphuis. Berlin University Press, Berlin 2010. 264 S., Fr. 37.90.  

Jaron Lanier: Gadget. Warum die Zukunft uns noch braucht. Aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2010. 247 S., Fr. 30.50.
 

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Letzteres mag irgendwie der Fall sein, Ersteres ist es - wie die Erfahrung lehrt und Untersuchungen bestätigen - nicht: Probanden, die eine Geschichte in herkömmlichem «linearem» Textformat lesen, sind nicht nur schneller als jene, die dieselbe Geschichte als Hypertext lesen, der mit «weiterführenden» Hyperlinks gespickt ist; sie begreifen, wie Nachfragen ergeben, auch das, was sie gelesen haben, markant besser. Anders gesagt: Kontexte zu erschliessen, nützt nichts, wenn der Text nicht mehr zureichend verstanden wird. Wo «Powerbrowsen» - das Zappen per Mausklick - an die Stelle des Lesens tritt, ändert sich die gesamte mentale Verfassung. Auch an sich selbst beobachtet Carr die Symptome der neuen Zeitkrankheit. Ein hyperkritischer Leser könnte sogar die Machart des - locker gestrickten - Buches als ein solches Symptom deuten.

Die universale Maschine macht die Menschen, die sie bedienen und ihr dienen, unkonzentriert, zerstreut, nervös und vergesslich. Doch die Maschine selbst vergisst nicht. Im Netz findet lange schon statt, was im Amtsdeutsch «Vorratsdatenspeicherung» heisst. Darum trifft es nur die halbe Wahrheit, wenn Carr das Internet eine «Technologie der Vergesslichkeit» nennt. Die andere Hälfte der unangenehmen Wahrheit nimmt Viktor Mayer-Schönberger in den nüchtern-klaren Blick. Der seit kurzem am Internet Institute der Oxford University forschende Autor erinnert angesichts der Gefahren der automatisierten Datenspeicherung an die «Tugend des Vergessens».

Es geht nicht nur um den Datenmissbrauch oder -gebrauch durch Sicherheitsbehörden und Internetunternehmen. Auch und mehr noch sind die Psychohygiene der Individuen und die Zukunftsfähigkeit von Gesellschaften das Thema: Für beide und beides ist das Vergessen essenziell. Erstmals in der Kulturgeschichte der Menschheit aber sei nun das Erinnern - das Speichern - unaufwendiger und billiger als das Vergessen geworden. Mayer-Schönberger erörtert verschiedene Möglichkeiten der «Informationsökologie», dem gegenzusteuern.


Kinder und Kindeskinder


Seine Überlegungen münden in den Vorschlag, das «menschliche Vergessen in der digitalen Welt nachzuahmen» - und zwar dadurch, dass alle Informationen, die in das digitale Gedächtnis aufgenommen werden, mit einem Verfallsdatum versehen sind und sein müssen. Sie lösen sich dann eines Tages in elektronischen Staub auf. «Delete» heisst das lesens- und erwägenswerte Buch, dessen Idee zusehends Fürsprecher findet. Nur ein Schelm könnte einwenden, dass ein rechtlich und technologisch institutionalisiertes automatisches Datenlöschen doch eigentlich überflüssig sei, wenn die computerisierten Menschen ohnedies vergesslicher werden . . .

Sorgen darum, dass die Menschen unserer Spätzeit Menschen bleiben, macht sich Jaron Lanier, der ausser als Autor als bildender Künstler, Musiker, Unternehmer sowie als Computerfreak, Cyberspace-Pionier und Schöpfer des Ausdrucks «virtual reality» in Erscheinung getreten ist. Reizvoll ist «Gadget», ein Essay über den Zustand der real existierenden «virtuellen» Welt, auch deswegen, weil darin ein erwachsen gewordenes Kind der digitalen Revolution den Kinder gebliebenen Kindern und den Kindeskindern die Leviten liest: Die einen verrieten die Idee des frei vernetzten, kreativen Individuums an die neuen, tendenziell totalitären Kollektive und «Schwärme»; die anderen verwechselten «Open Source» und kostenloses Herunterladen mit Freiheit.

Eine Revolution, die ihre Kinder in einem elektronischen Kindergarten selbstvergessen herumtollen lässt, mag immerhin humaner sein als eine, die ihre Kinder frisst.

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lies auch: 
Dossier Wie das Netz unser Denken verändert


Samstag, 25. Dezember 2010

Cyber-Autismus

aus: FAZ.Net, 22. Dezember 2010 

Das Weltbild von Wikileaks

Am liebsten ordentlich und einsam

Die eindeutige Lesbarkeit der Welt ist ein alter Menschheitstraum. Gegenwärtig wird er über die Plattform Wikileaks neu verhandelt. Julian Assange und seine Jünger sind dabei so etwas wie die autistischen Heimarbeiter der Transparenz.


Von Nicole Karafyllis
Sehnsucht nach Ordnung und Einsamkeit: WikiLeaks-Gründer Julian Assange auf einer PressekonferenzJulian Assange 
Als der Kinderarzt Hans Asperger 1943 seine Habilitationsschrift über die „Autistischen Psychopathen“ im Kindesalter an der Universität Wien einreichte, beschrieb er die geniale Fähigkeit der kleinen Jungen, die Welt ganz klar zu sehen. Autisten zeigten eine besondere Klarsichtigkeit, ihre ideale Welt ist geordnet, die Dinge haben ihren Platz. In dieser geordneten Welt hat jedes Ding genau einen Namen. Metaphern, Ironie, Diplomatie – all jene Formen von Distanz zum Objekt der Erkenntnis scheinen viele Autisten nicht zu verstehen.

Die eindeutige Lesbarkeit der Welt ist ein alter Menschheitstraum. Gegenwärtig wird er über die Plattform WikiLeaks neu verhandelt. Informationen bedürfen keiner Vermittlung und keiner wertenden Distanz mehr, so die Proponenten von Wikileaks. Informationen tragen vielmehr die Essenz ihrer Bedeutung in sich. Diese Position war im Mittelalter prominent, allerdings unter anderen Vorzeichen. Es war Gott, der die Essenzen in die Dinge legte, und es war daher auch nicht allen unbedingt möglich, die von Gott geordnete Welt klar zu sehen. Klarsichtigkeit war vielmehr an göttliche Gnade gekoppelt. Von daher birgt der normative Anspruch auf Transparenz, den Julian Assange und seine Jünger vertreten, ein zutiefst religiöses Element. Das Genie zeigt sich dabei in einer neuen Form, als transhumanes Subjekt, das wegen seiner technischen Fähigkeiten im Umgang mit Daten und Computern über die menschliche Gattung hinausweist und die Masse der Nicht-Sehenden in Gnadenakten informiert.

 

Der neue „leader“ der IT-Gesellschaf


Als Hans Asperger damals den Autismus als Psychopathie kategorisierte, wies er darauf hin, dass es sich um eine Störung handelt, unter der mehr die Gesellschaft leidet als der Betroffene selbst. In den letzten Jahren ist der Asperger-Autismus zu einer kulturellen Metapher für die Einsamkeit des postmodernen Subjekts geworden, das in der IT-Gesellschaft virtuell seine Netzwerke knüpft. Viele derjenigen, die sich zur intellektuellen Oberschicht der Cybersociety zählen, identifizieren sich mit dem Asperger-Syndrom. Die Hacker-Szene feiert sich gerne in sogenannten „nerd-clubs“. Dann gehen die Heimarbeiter der Transparenz wieder nach Hause. In der Populärkultur hat sich seit dem Film „Rain Man“ (1988) den Eindruck verfestigt, Autist seien stets weiße Männer aus der Mittelschicht, die von Zahlen und Technik besessen sind. Dieses Bild hat die vielen Autisten, die nicht über besondere kognitive Fähigkeiten verfügen und um bessere Therapieangebote kämpfen, in den Hintergrund treten lassen. Deshalb fällt in amerikanischen Autismus-Selbsthilfegruppen oft der Ausdruck „neuroelitism“: Neuro-Elitismus.

Eine der Ikonen der neuroelitären Cybercommunity ist Bill Gates, der zwar nie medizinisch als Asperger-Autist diagnostiziert wurde, aber dessen Schwierigkeiten im sozialen Umgang und außergewöhnlich hoher IQ für eine Ferndiagnose schon vor Jahren ausgereicht haben. Julian Assange wird sicherlich bald in der spekulativen Pathografie nachfolgen, denn er passt perfekt in das generierte Diskursmuster von männlicher Genialität, sozialer Zurückgezogenheit, Klarsichtigkeit und IT-Elite. Auch die dem Autisten unterstellte Unfähigkeit zu lügen, fundamental gewendet in einen natürlichen Anspruch auf Wahrheit, erhöht die Plausibilität. Dass einer der führenden Autismusforscher, Simon Baron-Cohen aus Cambridge, ständig publiziert, der Autist mit seinem „extrem männlichen Gehirn“ sei der neue „leader“ der IT-Gesellschaft, befördert entsprechende Diskurse.

 

Eine verkabelte Ontologie der Hardware


Allerdings bezieht man sich mit diesem Geniekonzept auf eine Ontologie und Weltsicht, die direkt in die Hochscholastik führt. Schon im Sommer titelte der britische Observer einen Artikel über Julian Assange mit „Mönch des Online-Zeitalters“, spielte damit aber nur auf dessen angebliche Zurückgezogenheit und Autarkiestreben an. Der Autist ist eine kulturelle Metapher für Solipsismus und Nominalismus. Die Welt existiert für ihn nur insoweit, wie mentale Repräsentationen sich direkt auf Objekte beziehen können. Dabei werden die Relationen durch die Objekte selbst generiert. Wenn Computer und Gehirn strukturell immer mehr identifiziert werden, darf man sich nicht wundern, wenn nun das Konzept „Wahrheit“ mit einem Informations-Determinismus versehen wird. Aufklärung wäre dann eine Totalität an zur Verfügung stehenden Daten „für alle“.

Dabei scheinen kulturelle, intersubjektiv und historisch gewachsene Semantiken entbehrlich. In dieser mittelalterlichen Ontologie, die, elektronisch tiefergelegt, im engeren Sinne gar keine mehr ist, da sie zwischen Sein und Seiendem nicht mehr trennt, sind die kulturellen Fundierungsverhältnisse nicht mitgedacht. Die Cyberwelt hat vielmehr eine verkabelte Ontologie der Hardware. Der aufklärerische Gedanke Kants, dass das „Ding an sich“ der Erkenntnis nicht zugänglich ist, scheint in dieser Parallelwelt nie angekommen. Plurale Deutungsmöglichkeiten scheinen dort gefährlich. Die Sehnsucht nach Ordnung ist zu groß. Die nach Einsamkeit auch.
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Nicole Karafyllis ist Professorin für Philosophie an der Technischen Universität Braunschweig und zur Zeit Senior Research Fellow am IFK Wien.

Montag, 20. Dezember 2010

Über De publicis rebus.

Wissenschaft ist öffentliches Wissen. Sie ist entstanden, um in der Öffentlichkeit ein Feld abzustecken, innerhalb dessen Meinungsverschiedenheiten, die immer auch von Interessen geprägt sind, vernünftiger Weise nicht mehr möglich sind. Dies ist ihr historischer Sinn.

Das Aufkommen der Wissenschaften im Abendland des siebzehnten, achtzehnten Jahrhunderts war das politische Weltereignis schlechthin. Herrschaft konnte von nun an gemessen werden an dem, was ‘als vernünftig erkannt’ war. Und nur so ist eine repräsentative, nämlich die Staatsbürger repräsentierende politische Ordnung überhaupt denkbar.
Die Öffentlichkeit erwartet allerdings von der Wissenschaft, dass sie Gesetzestafeln erstellt, in die man die ‘konkreten Fälle’ nur noch einzutragen braucht, um die ‘richtige Lösung’ sogleich ablesen zu können. Es liegt daher im Interesse sowohl der Öffentlichkeit als auch der Wissenschaft selbst, ihre Grenzen möglichst scharf zu ziehen.
Dazu soll dieses Weblog ein Teilchen beitragen.
Jochen Ebmeier



siehe auch: