Eben erst hatte sich der Parteitag der Piraten dafür entschieden, das Bedingungslose Grundeinkommen ins Wahlprogramm für den Bundestag 2012 aufzunehmen, da liefert die Wiener Presse die gesellschaftspolitische Begründung nach:
aus Die Presse, Wien, 4. 12. 2011
Der Siegeszug der Roboter
Erstmals in der Geschichte vernichtet der technologische Fortschritt mehr Jobs, als er schafft, sagen Ökonomen. Maschinen ersetzen Menschen nicht nur in Fabriken, auch Fahrer, Buchhalter und Anwälte sind gefährdet.
Sie bauen unsere Autos, hören sich unsere Beschwerden am Telefon an, verkaufen uns Lebensmittel, mähen unseren Rasen, treiben unsere Aktienkurse in den Keller und schlagen uns im Schach. Millionen Roboter sind mittlerweile auf unserer Erde unterwegs – und ihre Zahl steigt rasant an. Nach den ersten neun Monaten des heurigen Jahres meldete die US-amerikanische Robotic Industries Association ein Absatzplus von 41 Prozent.
Grund zur Klage haben wir deswegen nicht, schließlich übernehmen viele dieser Maschinen Arbeiten, die den Menschen zu anstrengend oder zu langweilig geworden sind. Die Entwicklung ruft aber auch Mahner auf den Plan. Der Siegeszug der digitalen Automatisierung habe ein bedrohliches Tempo angenommen, Menschen drohten dabei den Anschluss zu verlieren, warnen Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee, zwei Ökonomen am Massachusetts Institute of Technology (MIT). „Viele Arbeiter verlieren einfach das Rennen gegen die Maschinen“, schreiben sie in ihrem jüngst veröffentlichten Buch „Race against the machine“. Erstmals seit der Entdeckung des Rades vernichte der technologische Fortschritt mehr Arbeitsplätze, als er schaffe.
Sturm auf die Maschinen.
Ein Satz, den sich wohl auch die englischen Ludditen auf die Fahnen geschrieben hätten, als sie 1811 zum Sturm auf die mechanischen Webstühle geblasen haben, um das Symbol der industriellen Revolution zu Fall zu bringen. Spätestens seit dieser Zeit kehrte die Furcht, den Arbeitsplatz an einen mechanischen Konkurrenten zu verlieren, bei jedem Innovationsschub wieder. Selbst der Mathematiker und Ökonom John Maynard Keynes warnte 1930 vor der „Krankheit der technologischen Arbeitslosigkeit“.
Dabei predigen die Ökonomen seit 200 Jahren, dass technischer Fortschritt immer mehr und vor allem bessere Arbeitsplätze schaffe, als er vernichte. Zwei Jahrhunderte lang hatten sie recht. Diesmal ist es anders, behaupten die MIT-Forscher.
Digitalisierung bringt Wachstum.
Dabei sind die positiven Auswirkungen des jüngsten Innovationsschubs, der Digitalisierung, nicht zu übersehen. In allen Industrien haben Computer die Produktivität gesteigert, neue Vertriebswege eröffnet und Wohlstand geschaffen. Manche Kontinente wurden erst jetzt in die Neuzeit befördert. „Ein ökonomisches Gesetz, dass alle oder auch nur die meisten Menschen davon profitieren müssen, gibt es aber nicht“, schreiben die Autoren.
1000 Meilen ohne Fahrer.
Als stärkstes Indiz verweisen sie auf die Entwicklung der Industrie in den USA. Die Wirtschaftskrise im Jahr 2008 zwang viele Unternehmer Amerikas zu einem Kahlschlag unter ihren Fabrikarbeitern. Spätestens seit Sommer des Jahres sind die meisten US-Unternehmen wieder auf Kurs. Im Oktober produzierten sie schon deutlich mehr als vor der Krise – allerdings mit sieben Millionen Arbeitern weniger als zuvor.
Fortschrittsturbo Moore's Law.
Statt die entlassenen Arbeiter wieder einzustellen, folgten die Fabriksherren offenbar dem Vorbild von Terry Gou, dem Gründer des taiwanesischen Elektronikzulieferers Foxconn. Heute beschäftigt er eine Million Mitarbeiter in China – in drei Jahren will er einen Großteil von ihnen durch eine Million neue Roboter ersetzt haben. Ein großer Vorteil liegt auf der Hand: Menschen wird langweilig, Menschen bekommen Kopfschmerzen. Maschinen nicht.
Doch nicht nur die klassischen Fabriksarbeiter müssen zunehmend Maschinen weichen. Der Unternehmensberater Brian Arthur beschreibt in der McKinsey-Studie „The Second Economy“ eine parallele Arbeitswelt, die sich hinter all den elektronischen Geld-, Ticket- und Verkaufsautomaten versteckt. Hier, wo früher tausende Angestellte Dienstleistungen erbracht haben, kommen die Maschinen heute komplett ohne Menschen aus.
Warum aber sollte die Menschheit nicht auch von dieser Entwicklung profitieren können? Was hindert sie daran, sich wie bisher anzupassen, ihre Energie eben auf andere Ziele lenken? Die Antwort von Brynjolfsson und McAfee ist simpel: Anders als bei der industriellen Revolution beschleunigt sich der digitale Fortschritt in rasanterem Tempo und findet kein Ende.
Den wichtigsten Beleg für diese Behauptung kennen Computerexperten unter dem Namen „Moore's Law“. Vor 46 Jahren gab Gordon Moore, einer der Gründer des kalifornischen Halbleiter-Giganten Intel, seiner Firma eine steile Vorlage: Alle zwei Jahre sollte die Leistung der Computer verdoppelt werden. Der Visionär behielt recht. Seine Faustregel wurde zum Moore'schen Gesetz. Computer sind heute tausendmal schneller als vor dreißig Jahren – eine Entwicklung, die mindestens eine Dekade so weitergehen wird. Fast noch wichtiger ist der Fortschritt bei der Software. Deren Algorithmen verbesserten sich in derselben Zeit um das 43.000-Fache.
Maschinen können heute daher Leistungen vollbringen, die noch vor wenigen Jahren völlig undenkbar schienen. 2004 veranstaltete Darpa, die Forschungsabteilung des US-Verteidigungsministeriums, das erste 150-Meilen-Rennen für maschinengesteuerte Autos durch die unbewohnte Mojave-Wüste. Das „Siegerauto“ schaffte es gerade acht Meilen (12,8 Kilometer) weit – und brauchte dafür mehrere Stunden. Nur sechs Jahre später startete Google ein ähnliches Projekt. Der Internetkonzern schickte einen umgebauten Toyota Prius ohne menschlichen Fahrer auf Amerikas Straßen. Tausend Meilen fuhr der Wagen ohne fremde Hilfe im Verkehr. Den einzigen Unfall auf der Strecke verursachte ein Mensch, der dem Google-Auto ins Heck krachte, als dieses bei Rot an der Ampel wartete.
Computer haben mittlerweile gelernt, Muster so gut zu erkennen und zu deuten, dass sie Aufgaben übernehmen können, bei denen Menschen bisher unschlagbar waren – bei denen Intuition und Kombinationsgabe gefragt waren. Heute werden Übersetzer, Buchhalter, Fahrer, ja sogar Anwälte teilweise von Robotern ersetzt. Nur wer seinen Lebensunterhalt mit Kreativität, feinmotorischen Aufgaben oder dem Lösen komplexer Probleme verdient, scheint langfristig sicher zu sein, schreiben die MIT-Forscher.
Goldene Zeiten für Unternehmer.
Ihr Blick in die Zukunft fällt dennoch optimistisch aus. Schließlich war ihr Werk ursprünglich unter dem Arbeitstitel „The Digital Frontier“ als Hymne auf den technologischen Fortschritt gedacht. Auch heute sind sie überzeugt, dass Digitalisierung die entscheidende Quelle für Wohlstand bleiben wird. Aber eben für weniger Menschen.
Was neben dem technischen Fortschritt fehle, sei eine ausreichende Entwicklung bei Geschäftsmodellen, Organisationsstrukturen und den Fähigkeiten der Menschen. Die größte Chance sehen die Forscher in der Kooperation: Das Rennen gegen die Maschinen sei nicht zu gewinnen, man müsse mit ihnen laufen. Noch nie seien derartig intelligente Technik und gut ausgebildete Menschen so günstig verfügbar gewesen wie heute. Eine ideale Zeit also für Firmengründer, ihre innovativen Ideen in die Tat umzusetzen. Denn zumindest das haben die Roboter noch nicht gelernt.
Im Oktober 2011
brachten die Autoren ihr Werk als E-Book heraus.Ursprünglich wollten die MIT-Forscher darin eine Hymne auf den Fortschritt singen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2011)
Nota.
Und wenn schließlich die Roboter alle produktive Arbeit übernommen haben und auch eine Großteil der Dienstleistungen, wie können dann noch die Menschen "von ihrer Arbeit leben"? Es muss eine andere Ressource gefunden werden.
J. E.


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