Von der Wüste in die Stadt - und ins Gedächtnis der Welt
Drei neue Bücher erzählen die Geschichte vom Aufstieg des Gottes Jahwe
von Bernhard Lang · Der Gottesglaube als solcher ist fast so alt wie die Menschheit - über seine Anfänge wissen wir nichts. Der Glaube an einen einzigen Gott dagegen ist im alten Israel im ersten Jahrtausend vor Christus entstanden. Traditionell wird die Entstehung des Monotheismus mit der Gestalt des Mose verbunden. Doch daran, wie überhaupt an der Geschichtlichkeit dieser alttestamentlichen Gestalt, hegt die Forschung schon seit langem Zweifel. Vor drei Jahrzehnten war in der Bibelwissenschaft darüber Einigung erzielt, dass Mose als Stifter der Religion des biblischen Volkes nicht infrage kommt.
Polytheismus und Toleranz
Seitdem bemüht sich die religionsgeschichtliche Forschung - vor allem in der Schweiz und in Deutschland - intensiv darum, Herkunft und Geschichte des monotheistischen Gottesglaubens zu erhellen. Der inzwischen erarbeitete historische Befund ist eindeutig: Israels Gottesglaube stammt nicht aus einem einmaligen Gründungsakt, sondern ist über Jahrhunderte hin gewachsen, um in der Spätzeit Israels zum Monotheismus sozusagen heranzureifen.
siehe auch
Jetzt liegen drei Bücher vor, in denen Othmar Keel, Barbara Schmitz sowie Michael Tilly und Wolfgang Zwickel diesen Befund erklären und neu bewerten. Sie erzählen - sachgemäss - eine in Grundzügen gleiche Geschichte. Die führt von einem alten, dem nomadischen Milieu des südlichen Jordanlandes entstammenden Jahwe-Kult zu dessen Etablierung in Jerusalem. Dort steigt Jahwe zum ausschliesslich verehrten Gott auf, der in der Spätzeit Israels zum Gott schlechthin mutiert - zum Gott des Monotheismus.
Der Weg zum Monotheismus war freilich lang und unabsehbar. Lange Zeit hindurch bildete der Jahwe-Kult nur ein Element innerhalb eines komplexen religiösen Lebens. «Die Religion Israels und Judas war polytheistisch», erklärt Zwickel, der diese Anfangssituation eindrucksvoll erläutert. Verehrt wurden ein persönlicher Schutzgott, der für das Individuum sorgt, Stadt-, Klan- oder Stammesgötter, die einem grösseren Kreis von Menschen zugeordnet sind, und schliesslich der Nationalgott, der für das Königshaus und aussenpolitische Belange - nicht zuletzt für Krieg - zuständig ist. Ein solcher Nationalgott war Jahwe.
Als Nationalgott wurde Jahwe von David um 980 v. Chr. eingeführt. Nachdem David Jerusalem erobert hatte, schuf er für Jahwe im Stadttempel einen Platz, ohne die Verehrung des solaren Stadtgottes Schalem zu stören. Allmählich verschmolzen die beiden Götter zu einer einzigen Gestalt, deren kriegerische Züge auf die Wüste und deren universalistische Kompetenz auf den Sonnengott zurückweist. Othmar Keel feiert die Zeit Davids und Salomos als glückliche Epoche ohne religiöse Polemik, Verfolgung und Zensur: So tolerant, so vorbildlich, so integrationsbereit war die städtische Kultur jener Zeit!
Das sollte nicht immer so bleiben. Um 722 v. Chr. kam es in Jerusalem zu einer Reform, die den Jahwe-Kult privilegierte und alle anderen Kulte, die noch in stattlicher Zahl bestanden, abschaffte. Kultstätten wurden verwüstet, Kultsymbole zerstört, die Alleinverehrung unter Strafandrohung eingeschärft. Wie kam es zu dieser von König Joschija durchgeführten Reform?
Religion nach Massgabe der Politik?
Schmitz greift eine beliebte Hypothese auf, wenn sie den König von Assyrien ins Spiel bringt. Dieser beherrschte in jener Zeit den gesamten Vorderen Orient, hatte das Nordreich Israel bereits zerstört und verlangte auch von Juda Tribut. Alle regionalen Potentaten hatte er zu abhängigen Vasallen degradiert und zu fragloser Loyalität verpflichtet; wer rebellierte, wurde getötet oder deportiert. Dieses intolerante politische Konzept mag die Vorlage für jene religiöse Ideologie bilden, die der Reform Joschijas zugrunde liegt: Israel ist zu ausschliesslicher Verehrung Jahwes verpflichtet; wer abweicht, wird ausgerottet. Die religiöse Intoleranz wäre nach dieser Deutung der politischen Intoleranz einer Weltmacht nachgebildet. Eine gute Presse hat die intolerante Ideologie nicht. Zwickel findet Joschijas Reformtheologie «fast fundamentalistisch». Keel wirft ihr den Abfall von der religiösen Integrationsfähigkeit der Zeit Davids und Salomos vor.
Dagegen findet die universalistische, rein monotheistische Botschaft eines namentlich unbekannten, von der Forschung «Deuterojesaja» genannten Propheten des 6. Jahrhunderts die Billigung seiner heutigen Interpreten. Nur Jahwe allein verdient Verehrung, alle anderen Götter existieren nicht, verkündet der Prophet. Jahwe kann auch seinen Eigennamen verlieren. Es genügt, ihn «Gott» zu nennen. Als solcher ist der Gott Israels in das Gedächtnis der Weltgeschichte eingegangen.
Schwerpunkte der Forschung
In allen drei Büchern wird eine ganz ähnliche Geschichte erzählt, doch geschieht dies auf recht unterschiedliche Weise, je nach dem persönlichen Schwerpunkt des Verfassers. Keel konzentriert sich auf die Vorgänge in Jerusalem, die er durch sachkundig erläuterte Karten und Umzeichnungen antiker Bildzeugnisse veranschaulicht. Zwickel greift religionsgeschichtlich weit aus, um durch Skizzen der Religion der Stadt Ugarit und der Religion der Philister und anderer Völker das Milieu zu schildern, aus dem Israel hervorgegangen ist. Schmitz schliesslich, dem modernen Diskurs über Erinnerungskultur verpflichtet, zeigt, wie sich Israel nach dem Verlust seiner staatlichen Autonomie durch Erinnerung an seine Geschichte eine neue Identität geben konnte.
Von allen drei Werken lässt sich viel lernen, auch wenn keinem von ihnen der Sprung vom Fachbuch zum allgemeinverständlichen Sachbuch zur Gänze gelungen ist.
Othmar Keel: Jerusalem und der eine Gott. Eine Religionsgeschichte. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011. 128 S., Fr. 28.50.
Barbara Schmitz: Geschichte Israels. Verlag Ferdinand Schöningh (UTB), Paderborn 2011. 184 S., Fr. 22.90.
Michael Tilly, Wolfgang Zwickel: Religionsgeschichte Israels. Von der Vorzeit bis zu den Anfängen des Christentums. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011. 220 S., Fr. 40.90.
aus NZZ, 26. 1. 08
Theologie eines Sonnentempels
Othmar Keel beleuchtet in einer magistralen Studie den Ursprung des Monotheismus
Von Bernhard Lang
Jerusalem, eine nicht sehr grosse, im mittelpalästinischen Bergland gelegene befestigte Stadt, erlebte zwischen ihrer Gründung um 1700 v. Chr. und der Besetzung durch die Römer im Jahr 63 v. Chr. nur kurze Zeiten politischer Unabhängigkeit. Zunächst befand sie sich im Einflussbereich Ägyptens. Um 980 v. Chr., in einer Zeit, in der die ägyptische Vorherrschaft erlahmte, wurde Jerusalem zur königlichen Residenz Davids und damit zur Hauptstadt des neugegründeten hebräischen Staates. Schon bald geriet die Stadt in Abhängigkeit vom assyrischen Reich, später hatte sie in Babyloniern, Persern, Ptolemäern und Seleukiden einander ablösende fremde Oberherren. Nur 70 Jahre unter der Dynastie der Hasmonäer war Jerusalem autonom, um dann, im Jahr 63 v. Chr., dem Römischen Reich einverleibt zu werden.
integrative Theologie
Othmar Keel, emeritierter Alttestamentler an der Universität Freiburg und international führender Spezialist für vorderasiatische Kleinkunst und Ikonographie, schildert die Geschichte der Stadt von ihren Anfängen bis auf das Jahr 63 v. Chr. Sein Augenmerk gilt weniger den grossen Daten des politischen Geschehens; diese bilden nur den Rahmen für die Darstellung des religiösen Lebens der Stadt, auf dem ihre weltgeschichtliche Bedeutung beruht. Mit der These vom urbanen Ursprung des Monotheismus setzt sich Keel, der Fachdiskussion des letzten Vierteljahrhunderts verpflichtet, bewusst von jener Tradition ab, die den Glauben an einen einzigen Gott auf eine in der Wüste ergangene prophetische Offenbarung zurückführt. Wenn die am Berg Sinai erfolgte Gesetzgebung, gipfelnd in dem Wort «Du sollst keine anderen Götter haben neben mir», später Legendenbildung zuzuweisen ist, fällt der Blick auf die Stadt, die in der Geschichte der Menschheit von jeher kulturelle Neuerungen zu kumulieren, zu unterstützen oder selbst hervorzubringen pflegt. Wie Athen als historischer Ursprungsort der Philosophie gelten darf, so kann, wie Keel zeigt, Jerusalem den Anspruch erheben, Geburtsstadt der monotheistischen Religion zu sein. Ihr Ausgangspunkt liegt in einer theologischen Konzeption, die unterschiedliche Götter durch Gleichsetzung zu einem einzigen Wesen integriert.
Der Kult des ältesten Jerusalem war, im Namen der Stadt noch erkennbar, einem Gott namens Schalem gewidmet, der sich als Sonnengott verstehen lässt, genauer: als Gott der untergehenden Abendsonne. Begleitet war Schalem von Göttern wie Zedek und Mischpat, denen die Göttin Cheba Gesellschaft leistete. Als David in Jerusalem seine Residenz errichtete, führte er einen heiligen Schrein mit sich, der Symbole – Keel denkt an bildlose Steine – seines Kriegsgottes Jahwe enthielt. Jahwes «Lade» wurde zunächst, dem Kriegsbrauch entsprechend, in einem Zelt untergebracht. Doch als Davids Sohn und Nachfolger Salomo dem Sonnengott einen Tempel baute, erhielt die Lade in diesem eine eigene Kapelle.
Der Kult des ältesten Jerusalem war, im Namen der Stadt noch erkennbar, einem Gott namens Schalem gewidmet, der sich als Sonnengott verstehen lässt, genauer: als Gott der untergehenden Abendsonne. Begleitet war Schalem von Göttern wie Zedek und Mischpat, denen die Göttin Cheba Gesellschaft leistete. Als David in Jerusalem seine Residenz errichtete, führte er einen heiligen Schrein mit sich, der Symbole – Keel denkt an bildlose Steine – seines Kriegsgottes Jahwe enthielt. Jahwes «Lade» wurde zunächst, dem Kriegsbrauch entsprechend, in einem Zelt untergebracht. Doch als Davids Sohn und Nachfolger Salomo dem Sonnengott einen Tempel baute, erhielt die Lade in diesem eine eigene Kapelle.
Die Juden haben alle Erinnerung an ihre heidnische Vergangenheit getilgt. Dies hier ist der assyrische Sonngott Shamush.
Nun befand sich jener der Ordnung verpflichtete und sie garantierende Sonnengott der Schreiber unter einem Dach vereinigt mit dem auf Kampf gestimmten und Sieg verleihenden Herrn des Krieges. Der Bund zwischen Ordnungsmacht und Kriegertum führte bald zur Verschmelzung beider Götter in einer einzigen Gestalt, die den Namen Jahwes trug, doch sich wahlweise als Sonnengott oder Kriegsgott manifestieren konnte. Wann genau diese integrative Theologie entstand, ist schwer zu sagen, und so muss sich Keel mit einem – glänzend geführten – Indizienbeweis für ihre Existenz begnügen.
Nationalismus
Jahwe wurde nicht nur in Jerusalem, sondern auch im Norden Palästinas verehrt, wo sich nach Auflösung des salomonischen Reichs ein eigener hebräischer Staat mit der Hauptstadt Samaria gebildet hatte. Der nordpalästinische Jahwe trug signifikant andere Züge als der Gott von Jerusalem, empfand man ihn doch nicht als eine der Integration fähige, sondern als auf Konfrontation mit anderen Göttern gestimmte Gestalt. Ihre Propheten waren Mose und Hosea; Ersterem, einer legendären Figur, schrieb man die Führung israelitischer Stämme aus der ägyptischen Knechtschaft zu, Letzterer versuchte, das Volk auf die ausschliessliche Verehrung Jahwes zu verpflichten. Als das Nordreich 722 v. Chr. von den Assyrern zerstört wurde, kam mit einem Flüchtlingsstrom auch der Jahwe Nordpalästinas nach Jerusalem.
Bald sollte sich zeigen, dass die importierte Gottesvorstellung sich zur Schaffung einer neuen, nationalistischen Theologie eignete. Diese entstand im Zusammenhang eines Ereignisses, das Jerusalem fast die Existenz gekostet hätte: Die Assyrer belagerten Jerusalem im Jahre 701, drohten es zu zerstören, zogen jedoch unvermittelt ab; warum, ist unbekannt. Man glaubte, diese überraschende Wende Jerusalems Gott zu verdanken – eine folgenreiche Deutung. Die in der Stadt heimisch gewordenen Flüchtlinge aus dem Norden feierten Jahwe als jenen Gott, der bereits ihre Vorfahren unter Mose von ägyptischem Frondienst befreit hatte und nun in der Gegenwart seinen Schutz Jerusalem angedeihen liess. Verstärkt wurde diese nationalistische Theologie durch ein neues, der assyrischen Bündnispolitik entlehntes Konzept: Durch Verträge verpflichteten die Assyrer ihre Vasallen, nur den assyrischen König anzuerkennen und alle Rebellen schonungslos zu denunzieren und der Ausrottung preiszugeben; so habe auch Jahwe sein Volk verpflichtet, nur ihm allein als Gott zu dienen und alle ihm Abtrünnigen zu töten. Diese sogenannte Bundestheologie wurde nicht nur vom Jerusalemer König Joschija um 622 v. Chr. zur Staatstheologie erklärt, sondern führte auch zu einer grossangelegten Reform, bei der die Embleme anderer Götter, vor allem der Göttin Aschera, aus dem Tempel entfernt werden mussten. Verbunden mit dieser Aktion war ein übermütiger Aufstand gegen die Babylonier, der die Zerstörung von Stadt und Tempel durch den babylonischen König Nebukadnezar zur Folge hatte (587 v. Chr.).
Die nationalistische Theologie fand nicht nur Freunde, sondern auch Gegner. Unter diesen ragen Jeremia und Ezechiel hervor, zwei Jerusalemer Propheten der Zeit um 587. Sie warnten nicht nur – vergeblich – vor den zum antibabylonischen Aufstand führenden politischen Manövern; sie entwickelten auch eine neue, sich vom nationalistischen Konzept stark abhebende Theologie. Diese versteht Jahwe, offenbar in Fortbildung jenes alten integrativen Konzepts, als weltüberlegenen Schöpfer des Himmels und der Erde. Als der einzige Gott nimmt er nicht nur Israel in Obhut, sondern die gesamte Menschheit, von der er sittliches Handeln fordert. So entstand in Jerusalem ein Denken, das in überraschender Koinzidenz zu verwandtem universalistischem Gedankengut passt, das innerhalb von zwei Jahrhunderten (etwa zwischen 600 und 400 v. Chr.) sich auch in Griechenland, Indien und China bemerkbar machte. Der Philosoph Karl Jaspers lehrt uns, jene Zeit, von deren geistigem Erbe die Menschheit noch heute zehrt, als «Achsenzeit» der Weltgeschichte zu begreifen. In der Bibel findet sich achsenzeitliches Gedankengut ausser in den Schriften der genannten Propheten auch in den Büchern Hiob, Kohelet und Ruth: alles Schriften, die heute zur Weltliteratur gerechnet werden.
Ein Standardwerk
Keels Darstellung besticht durch die Klarheit, mit welcher sie die drei theologischen Richtungen rekonstruiert, welche die Geschichte Jerusalems bestimmen: die integrative Theologie der frühen monarchischen Zeit, die (von Keel kritisch gesehene) nationalistische Theologie der ausgehenden Königszeit und die universalistische Theologie des Monotheismus, die zuerst von Jeremia und Ezechiel formuliert wurde. Für Fachleute geschrieben und daher mit einem reichen, fast unerschöpflichen Apparat von Detaildiskussionen und Quellenhinweisen versehen, eignet sich das Werk kaum zur Lektüre des Laien, der auf eine zugänglichere Fassung warten muss. Lange werden Keels Fachkollegen in Bibelwissenschaft und Religionsgeschichte das kühn, doch immer wieder überzeugend argumentierende und die Lücken der Überlieferung mit sicherem Griff schliessende Werk erörtern. Keel hat eines jener achtunggebietenden Standardwerke vorgelegt, die ihren Autoren einen Platz unter den grossen Historikern sichern. Othmar Keel: Die Geschichte Jerusalems und die Entstehung des Monotheismus. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007. 2 Bände, 1384 S., Fr. 236.–.



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