aus Die Presse.com, Wien, 4. 11. 2011
Angriff auf Tolstois Mythos von 1812
Leo Tolstois 1868/69 veröffentlichter, monumentaler Roman „Krieg und Frieden“ festigte das Bild vom starken russischen Volk. Der Brite Dominic Lieven rückt die Historie im Wälzer „Russland gegen Napoleon“ zurecht
Von Norbert Mayer
Wer hat Napoleon Bonaparte besiegt und damit dafür gesorgt, dass er 1815 auf die Insel Sankt Helena verbannt wurde? Nelson und Wellington, sagen die Briten. Erzherzog Karl, sagen die Österreicher. Die Preußen, sagen die Preußen. Das Wetter, klagen die Franzosen.
An Letzterem ist ein Körnchen Wahrheit. Der Untergang des korsischen Generals, der sich die Kaiserkrone Frankreichs aufsetzte, um ganz Europa in ein Schlachthaus zu verwandeln, wurde im russischen Winter 1812 besiegelt. Die Vorstellung davon, wie das geschah, wie Napoleons Heer bis nach Moskau kam, wie die Stadt brannte, wie das russische Volk dann diesen dämonischen Strategen vertrieb und seine 500.000 Mann starken Armeen bis auf 6000 Überlebende vernichtete, ist vor allem von einem Werk der Weltliteratur geprägt: Leo Tolstois 1868/69 veröffentlichter, monumentaler Roman „Krieg und Frieden“, der das Geschehen von 1805 bis 1812 vor allem anhand von drei russischen Familien zeigt.
"Das nichtigste Werkzeug"
Tolstois „Vojna i Mir“ schildert vom Krieg vor allem die Schlachten von Schöngrabern, Austerlitz und Borodino sowie den Kampf der Partisanen. Die auch von Erzählungen und Aufzeichnungen seiner Vorfahren geprägte Chronik insinuiert, dass Zar Alexander schwach war, von (ausländischen) Militärs schlecht beraten. Allein General Kutusow ist als Stratege positiv geschildert, der wahre Antagonist Napoleons. Dieser eitle Gockel war laut Tolstoi „das nichtigste Werkzeug der Geschichte“.
Kutusow hingegen ist ein bescheidener Held, der weiß, dass man die Geschichte nicht vorantreibt, sondern von ihr getrieben wird. Er verlässt sich auf die Stärke des russischen Volkes, dem eigentlichen Sieger über den westlichen Eroberer. „Krieg und Frieden“ ist voller Spitzen gegen Militärtheoretiker, vor allem gegen deutsche. Ihre Schlachtpläne werden ironisch als Unsinn abgetan.
Aber stimmen diese persönlichen Sichtweisen überhaupt mit der Realität überein? Warum hat sich dieses Geschichtsbild so lange gehalten, sogar bei den Sowjets?
Die Kommunisten übernahmen den Mythos von 1812 auch deshalb, weil er ideologisch passte. Zar Alexander wurde klein gemacht, Kutusow als Mann des Volkes sogar über Napoleon erhoben. Unter Stalin hat man dann auch noch den Widerstand des Volkes exzessiv betont, die Historiografen machten Kutusow zum Genie.
Tolstois Perspektive setzte sich auch in Westeuropa durch. Es fehlte an Korrektiven, denn bis 1991 waren viele russische Archive nur schwer zugänglich. Ein britischer Historiker mit russischen Wurzeln hat nun jedoch ein umfangreiches Werk geschaffen, das diesen Mythos relativiert: Dominic Lieven, Professor an der London School of Economics, kontert in seinem Wälzer „Russland gegen Napoleon“ mit ausführlichem Quellenstudium den großen Romancier. Lieven hat, so wie Tolstoi, auch ganz familiäre Gründe für sein Engagement. Einige seiner Vorfahren dienten dem Zaren als Offiziere in den Napoleonischen Kriegen. Das Buch ist ebenfalls eine Ehrenrettung, so wie bei Graf Tolstoi.

Laut Lieven entsprach die offizielle sowjetische Lesart dem Geiste des Romanciers: „Für Tolstoi ist elementarer russischer Patriotismus der Kitt, der die Verteidiger der Heimaterde zusammenhielt. Er malt Kutusow als Verkörperung von Patriotismus und Weisheit der Russen, stellt diese der Idiotie sogenannter professioneller Militärexperten gegenüber, die für ihn Deutsche und Pedanten sind.“
Der britische Historiker führt dagegen an, dass dem Zaren brillante Offiziere wie Karl von Troll und Johann von Diebitsch dienten. Für ihn waren nicht Klima und Zufall an der Niederlage Napoleons schuld, sondern die exakten Planungen der russischen Generalität sorgten für deren Sieg. Kriegsminister Barclay de Tolly rechnete bereits vor 1812 mit einem Krieg, der mindestens zwei Jahre dauern werde. Man war am Hofe Alexanders durch Geheimdienste über die Absichten Frankreichs gut informiert. Von Anfang an war geplant, den Feind erst weit vorstoßen zu lassen und dann zurückzuschlagen. Dessen lange Versorgungswege sollten auch von Aufständen unterbrochen werden. Den Sieg verdankte Russland nicht nur dieser Strategie der Defensive und blitzartigen Überfällen, sondern auch der Logistik: Die russischen Truppen waren besser versorgt.
Die Dominanz leichter Kavallerie
Die Russen dachten weiter als Napoleon. Als tödlich erwies sich ihre leichte Kavallerie. Sie verhinderte, dass der Feind sich ausreichend regenerieren konnte: „1812 verlor Napoleon nicht nur fast alle Soldaten, sondern im Grunde auch alle Pferde, mit denen er in Russland eingefallen war.“ Die Kontingente an Truppen konnte er notdürftig auffüllen, die an Pferden nicht. Russland hingegen hatte weit vorausblickend großzügig in die Pferdezucht investiert. Sie hielt die Militär-Maschinerie am Laufen.
Dieses Endspiel wird bei Tolstoi ausgespart. Sein Roman endet (bis auf einen Epilog) im Dezember 1812. Da hatte die russische Armee gerade erst mit der Offensive begonnen, die die Kosaken nach Paris führte. Ihre leichte Reiterei erlangte 1813/14 totale Dominanz. Der größte Held für Lieven: Das Pferd hat Napoleon besiegt.
Dominic Lievens monumentales Buch „Russland gegen Napoleon. Die Schlacht um Europa“ ist soeben auf Deutsch erschienen: Verlag C. Bertelsmann, 2011, 763 S., € 35.
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