Freitag, 6. Januar 2012

Der Untergang des Reichs der Khmer.

aus scinexx

Khmer-Hochkultur ging an Wassermangel zugrunde 

Komplexes Bewässerungssystem versagte bei anhaltender Trockenheit  

Anhaltende Trockenheit und ein versagendes Bewässerungssystem könnten den Niedergang des Khmer-Königreiches in Kambodscha am Anfang des 15. Jahrhunderts mitverursacht haben. Darauf deuten Sedimentproben hin, die Forscher in einem Wasserspeicherbecken in der ehemaligen Khmer-Stadt Angkor entnommen und analysiert haben. Im 14. und 15. Jahrhundert habe sich demnach nur sehr wenig Wasser in dem Reservoir befunden. Das deute auf Trockenheit und ausbleibenden Monsunregen hin, berichten die Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Das Königreich der Khmer hatte seine Blütezeit zwischen dem 9. und 15. Jahrhundert. In dieser Zeit entstanden monumentale Tempelanlagen, aber auch mehrere große Städte, darunter die Hauptstadt Angkor. "Einer der beeindruckendsten Merkmale von Angkor ist sein komplexes Bewässerungssystem", schreiben Mary Beth Day von der University of Cambridge in England und ihre Kollegen. Das Netzwerk von Reservoiren, Kanälen, Gräben und Deichen habe sich über rund 1.000 Quadratkilometer erstreckt. Dieses System sei für die Khmer wahrscheinlich überlebenswichtig gewesen, denn Regen fiel in dieser Region nur während des saisonalen Monsuns.

 Aufnahme der alten Khmer-Stadt Angkor aus dem All, der schwarze Rahmen markiert den Tempel Angkor Wat, das rechteckige Wasserbecken links davon ist das von den Forschern untersuchte Khmer-Reservoir West Baray.

Bewässerungssystem versagte beim Klimawechsel

Warum das Khmer-Reich endete, ist bis heute umstritten, als Gründe gelten Kriege, Überbevölkerung, religuöse und wirtschaftliche Umwälzungen, aber auch ein Klimawechsel hin zu einem trockeneren Klima. Belege für letzteres liefern Jahresringe von Bäumen aus der Zeit des 14. und 15. Jahrhhunderts in Südostasien.

Die neuen Daten zeigen nun, dass die Khmer trotz ihrer Wasserspeicher nur ungenügend gegenüber Phasen anhaltender Trockenheit gerüstet waren. "Ihr Bewässerungssystem war nicht ausreichend, um die veränderten Niederschlagsbedingungen ausgleichen zu können", schreiben Day und ihre Kollegen. Das Khmer-Bewässerungssystem sei daher ein anschauliches Beispiel für eine ausgeklügelte menschliche Technologie, die angesichts extremer Umweltbedingungen dann doch versagt habe.



Speicherbecken für 53 Millionen Kubikmeter Wasser

Für ihre Studie entnahmen und analysierten die Forscher einen zwei Meter langen Bohrkern aus den Ablagerungen am Grund des sogenannten West Baray. Dieses acht mal zwei Kilometer große Reservoir war das größte der vier Wasserspeicher in Angkor und fasste bis zu 53 Millionen Kubikmeter Wasser.

Zwischen 1310 und 1590 sei nur noch extrem wenig Sand und Erde abgelagert im Becken abgelagert worden, das deute auf eine Trockenperiode hin, berichten die Wissenschaftler. Ob der Wassermangel ausschließlich von der Klimaveränderung verursacht sei oder ob auch Veränderungen der Bewässerung und Landnutzung mit eine Rolle spielten, könne man heute nicht mehr sagen. Klar sei nur die zeitliche Übereinstimung: "Diese etwa 280 Jahre anhaltende Periode schließt sowohl das Ende der Angkor-Kultur ein als auch eine Zeit verstärkter Klimaschwankungen", sagen die Forscher. (PNAS, 2012, doi:10.1073/pnas.1111282109)

(PNAS, 03.01.2012 - NPO)

aus Die Presse, Wien, 5. 1. 2012

"Hydraulische Stadt" starb, weil ihr Wasser ausging

von  JÜRGEN LANGENBACH

Bohrkerne aus dem Sediment des größten Reservoirs zeigen, dass die Metropole der Khmer zusammenbrach, als Südostasien von mehreren Dürren überzogen wurde.

Ihre Herren nannten sie so selbstbewusst wie schlicht „die Stadt“ – „Angkor“ –, das hatte einen guten Grund: Eine vergleichbare Metropole gab es auf der ganzen Erde nicht. Die Königsstadt der Khmer hatte auf ihrem Höhepunkt über eine Million Einwohner auf einer Fläche von über 1000 Quadratkilometer, im Zentrum lag der größte je errichtete Tempelbezirk. Gegründet wurde die Stadt 802, über Jahrhunderte beherrschten die Khmer von dort aus Südostasien – ihre Armee soll über 70.000 Kriegselefanten verfügt haben –, 1431 brach alles unter dem Ansturm der Siam aus Thailand zusammen und wurde vom Dschungel überwuchert.

Ganz verschwunden ist Angkor darunter nicht, es blieb ein regionales religiöses Zentrum. Aber von der Außenwelt wiederentdeckt wurde es erst im 19.Jahrhundert: „Es ist größer als alles, was Römer oder Griechen hinterlassen haben. Wer baute es? Wo sind die Nachkommen? Es ist zweifelhaft, ob die Fragen je geklärt werden können. Alles, was wir haben, sind absurde Fabeln und zweifelhafte Legenden.“ So klagte 1878 US-Geograf Vincent Frank, und seitdem haben sich die Nebel nur wenig gelichtet, vor allem, was die Gründe für den Untergang betrifft.

Netz von Kanälen, zu Seen erweitert

„Der Kollaps von Angkor ist mit dem der Maya vergleichbar“, fasste Anthropologe Michael Coe (Yale University) im Jahr 2006 zusammen, und er hatte wohl im doppelten Sinne recht: Auf beide Reiche wandten die westlichen Historiker die jeweilige Weltsicht ihrer eigenen Zeit an, und die hieß lange: Kriege und soziale Unruhen bringen den Kollaps. Die Khmer führten Kriege ohne Ende – mit Thailand, China, Vietnam –, und sie hatten eine breite Oberschicht, Hof und Priester, die von den Bauern ernährt werden mussten, Grund genug für Aufstände.

Aber dann nahm man, viel früher als bei den Maya, die Umwelt in den Blick: „Angkor war eine ,hydraulische Stadt‘“, konstatierte in den Fünfzigerjahren Anthropologe Bernard-Philippe Groslier: Die Metropole war von einem gigantischen Netz von Kanälen durchzogen, die im Norden der Stadt Flüsse anzapften, im Süden Reisfelder bewässerten und dazwischen, oft zu Seen erweitert, die Macht und Herrlichkeit der Paläste und Tempel spiegelten, manche Forscher vermuten, das sei der Hauptzweck gewesen.

 
Aber die Kanäle waren auch Verkehrsadern, und in ihnen gediehen Fische. Genaueres weiß man nicht, die Khmer hinterließen keine Aufzeichnungen über ihre Lebensadern. Deren Schicksal muss man aus anderen Archiven erschließen, vor allem aus denen der Sedimente. Die zeigten früher schon, dass das Management der Wasserwege periodisch überfordert wurde, vor allem gegen das Ende hin.

Da kamen in Folge Dürren und Fluten. Letztere hat man früher schon bemerkt: Manche Kanäle wurden verstopft – und konnten nicht mehr gereinigt werden –, als die Hochwasser zu viel Sediment brachten. An dessen Freisetzung hatte der Mensch mitgewirkt, man hatte die Berge im Norden abgeholzt und damit die Erosion beschleunigt. Aber das Ende kam nicht mit zu viel, sondern mit zu wenig Wasser, das zeigen Analysen der Sedimente im größten Reservoir, dem West Baray, es maß etwa acht mal zwölf Kilometer und hielt 53 Millionen Kubikmeter Wasser (so viel wie der Freudenau-Stau der Donau bei Wien). Lange floss das Wasser gut, es brachte Sedimente, dann kam fast nichts mehr, von 1345 bis 1365. Das überstand die Stadt, dann kam die nächste Dürre, 1401 bis 1425. Die war zu viel, es zeigt sich auch daran, dass das Becken von Pflanzen überwuchert wurde, die nur in niederem Wasser gedeihen und/oder nicht mehr entfernt werden konnten (Pnas, 2.1.).


Aber anders als bei den Maya war die Trockenheit nicht partiell von Menschen gemacht: Ihre Phasen zeigen sich auch in Baumringen in Vietnam. Offenbar war ganz Ostasien betroffen, und die Dürren kamen – wie die Überschwemmungen dazwischen – von einem Klimaphänomen, das durch Erwärmung bzw. Abkühlung des Ostpazifiks „El Niño“ und „La Niña“ bringt. Und die bringen Ostasien Trockenheit bzw. Güsse.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2012)


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