Neues von den Alten: Renaissance retroaktiv
Über
einen sich wandelnden europäischen Ursprungsmythos, über Florenz als
dessen imaginäres Zentrum und Bagdad als Herausforderung
Von Valentin Groebner
In
der Renaissance spiegelt sich das heutige Europa noch immer gerne. Die
Epoche steht im Mittelpunkt einer identitätsstiftenden
Herkunftserzählung. Zunehmend müssen in diese Erzählung freilich
«orientalische» oder islamische Aspekte integriert werden. Dafür liefert
auch ein neues Buch des Kunsthistorikers Hans Belting
Anschauungsmaterial.
Ein
alter Kernbegriff der europäischen Geschichtserzählung ist in Bewegung
geraten. Das passiert nicht so häufig: Ein ehrwürdiges Wort schrumpft,
bekommt Flecken und häutet sich. Rinascita, Renaissance: Gemeint
ist die emphatische Berufung auf antike Texte und Autoritäten, die
zwischen dem 14. und dem ausgehenden 16. Jahrhundert die europäische
Kultur in Kunst und Wissenschaft tiefgreifend geprägt habe.
«Renaissance» soll seit dem 19. Jahrhundert nicht weniger als den Beginn
moderner individueller Subjektivität bezeichnen: Diese Epoche, so
lehren die Handbücher und Überblicksdarstellungen bis heute, sei der
Ursprung moderner individueller Subjektivität und des autonomen
Künstlers, der Beginn selbstbewussten ästhetischen Ausdrucks ebenso wie
einer neuen, exakten Wahrnehmung historischer Differenz.
Jacob Burckhardt
Jacob Burckhardt
FERNE SPIEGELBILDER
Das
unterscheidet die Renaissance auch vom Mittelalter. Denn die beiden
Begriffe bezeichnen nicht zwei getrennte Epochen, sondern zwei
unterschiedliche Weisen, Vergangenheit zu erzählen. Das Mittelalter,
könnte man sagen, ist das fremde Eigene; es wird als Wurzel und
Grundlage, aber gleichzeitig als archaische Gegenwelt präsentiert - ganz
wir, ganz fern, deshalb so echt. Die Renaissance, obwohl auch die Rede
von ihr eine Ursprungserzählung ist, «funktioniert» anders. Denn hier
gibt es keine Andersheit, im Gegenteil. Die Ecksteine des Mythos von der
Renaissance - die angebliche Neuentdeckung der Antike, das Auftreten
des autonomen Künstlers und Wissenschafters und die Formation moderner
Individualität - sind seit fast hundertfünfzig Jahren für die kulturelle
Selbstdefinition des Westens unverzichtbar: ein Geschichtsbild mit
Florenz als imaginärer Hauptstadt, das bis heute wenig von seiner
Wirksamkeit eingebüsst hat.
Lorenzo il Magnifico, von Girolamo Machietti
Lorenzo il Magnifico, von Girolamo Machietti
Tatsächlich
gibt es kaum eine andere historische Epoche, die seit der industriellen
Revolution für die Selbstdarstellung des gebildeten Europa eine
ähnliche zentrale Rolle gespielt hat. Mit der Renaissance liess sich die
Sonderstellung Mittel- und Westeuropas historisch begründen: Die
Traditionen europäischer Individualität und kultureller Dynamik seien
auf die Leistungen jener selbstbewussten Humanisten, Künstler und
Kaufleute der Stadtrepubliken Italiens zurückzuführen, so das Credo
dieser Geschichtserzählung. Die Historiker des 19. und des
20. Jahrhunderts erzählten mit dem Bild dieser aus sorgfältig
ausgewählten Versatzstücken zusammengesetzten «schönen Gesellschaft» an
der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit eine Erfolgsgeschichte von
unternehmerischen Bürgern und Gelehrten; ein Spiegel ihres eigenen
sozialen und kulturellen Selbstbilds. Ihre Renaissance war die Vision
eines ästhetischen Kapitalismus, um ein halbes Jahrtausend in die
Vergangenheit projiziert.
Das
geschah in unterschiedlichen nationalen Varianten. In Italien waren die
Darstellungen von Petrarca-, Alberti- und Vasari-Rezeptionsgeschichten
dominiert. In Deutschland entfalteten sie ihre grösste Wirkung als
Aufstiegsgeschichten des Bürgertums; in Basel als städtische
Lokalgeschichte. In der angelsächsischen Spielart wurde dagegen dieses
auf Florenz zentrierte Geschichtsbild die wichtigste Chiffre dessen, was
«den Westen» historisch ausmachte, seine vormoderne Ursprungserzählung.
GELEHRTE SELBSTBEFRUCHTUNG
Das
verband Hans Barons «Civic Humanism», die Vision eines aus
Nazideutschland Geflüchteten von der erfolgreichen Verteidigung einer
streitbaren gebildeten Demokratie gegenüber totalitärer Bedrohung am
Beginn des 15. Jahrhunderts, mit einem berühmten Buch von 1975, das
dieselbe Denkfigur drei Jahrzehnte später auf den Punkt brachte,
J. G. A. Pococks «The Machiavellian Moment: Florentine Political Thought
and the Atlantic Republican Tradition». Von der Renaissance reden hiess
von einem westlichen «Wir» sprechen. Warum wir so erfolgreich und so
kompliziert, so gebildet und so elegant sind. Eben deshalb kann man
sagen, die Renaissance sei keine Epoche, sondern ein Erzählmodus. Im
Gegensatz zum Mittelalter-Begriff, der die Fremdheit der eigenen
Ursprünge betont, beruhte das Konzept Renaissance auf dem Kunstgriff, so
zu tun, als sei man selbst der direkte Nachkomme Petrarcas,
Brunelleschis oder Albertis.
Macchiavelli
Und
eigentlich stimmt das auch. Denn genau dieser Kunstgriff war auch der
Trick der Renaissance-Humanisten, wie Anthony Grafton in mehreren
Büchern gezeigt hat. Sie taten, als seien sie die direkten Erben der
antiken Klassiker. - Ein Kunstgriff war dies deshalb, weil die
Humanisten so ihre viel direkteren intellektuellen Abhängigkeiten von
islamischen Gelehrten und jüdischen Ärzten zum Verschwinden bringen
konnten. Die Philosophie und Naturphilosophie des Mittelalters hatte
ihre Abhängigkeit vom byzantinischen, jüdischen und arabischen Wissen
offen gezeigt. Seit Petrarca gaben die Humanisten dagegen vor, ein
direktes und ausschliessliches Verhältnis zur Antike wiederhergestellt
und für sich alleine gepachtet zu haben. Die Humanisten verachteten
öffentlich ihre mittelalterlichen Lehrbücher und plagiierten sie
gleichzeitig. Die Renaissance ist der Mythos der Selbsterzeugung des
Westens durch Selbstbefruchtung oder genauer: durch Verkehr mit antiken
Texten.
Man
solle die alten Klassiker nicht einfach nachmachen, lehrte Gasparino
Barzizza (1360 bis 1431). Vielmehr solle man ihre Stilmittel und
Sprachkniffe nehmen, um daraus etwas Neues zusammenzusetzen, für die
eigenen Zwecke. Barzizza war Modell nicht nur für die Humanisten des
14., 15. und 16. Jahrhunderts, sondern auch für die Gelehrten des 19.
und frühen 20., die jene erforscht und beschrieben haben. Diese
Renaissance-Historiker stellten von Anfang an eine leise, aber deutlich
spürbare Verachtung für die nationalen und konfessionellen
Selbststilisierungen ihrer Mittelalterkollegen zur Schau, die für ihren
Aufstieg auf Beamtenkarrieren angewiesen waren. Renaissance-Historiker
betonen seither nicht christliche Strenge oder nationale
Pflichterfüllung, sondern Eleganz und ästhetische Unterscheidung - kurz,
soziale Distinktion.
Gasparino Barzizza, Epistolae
Gasparino Barzizza, Epistolae
In
und um Florenz sind heute gut zwei Dutzend
Renaissance-Forschungsinstitute angesiedelt, vom Europäischen
Hochschulinstitut über die Villa Aurora der Université Paris I bis zu
den Florentiner Dépendancen amerikanischer Universitäten in San Giorgio,
Settignano und anderswo. Sie residieren alle in grossbürgerlichen
Villen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts; in einem Reich der Zeichen
sozialer Unterschiede, die umso wirkungsvoller sind, als sie nicht
weiter thematisiert werden. Wissen wird nicht durch sich selbst, sondern
durch Institutionen legitimiert. Und Wissenschaft setzt sich nicht nur
aufgrund ihrer Ergebnisse durch, sondern auch dadurch, dass sie einen
sozialen Ort besetzt. Auch wenn der imaginär ist.
DAS ECHTE UND DER KITSCH
Petrarca,
Alberti und Barzizza hätte das ohne weiteres eingeleuchtet. Wie jede
historische Erzählung verspricht die von «der» Renaissance eine
imaginäre Rückkehr in ein mythisches, eigentlicheres Selbst. Diese
Rückkehr ist umso verlockender, wenn sie in einer Villa in der Toskana
angesiedelt ist. Wie jede andere Phantasie ist die Phantasie des
Historischen dabei nicht unbedingt Zeichen für Machtlosigkeit und
Frustration. Sie ist vielmehr eine Möglichkeit, gleichzeitig mehrere,
auch einander widersprechende Positionen einzunehmen, ohne dass die
Widersprüche aufgelöst werden müssen. Das machte (und macht) die Libido
der Renaissance-Historiker aus: den eigenen Namen in die alten Texte -
und in die schönen alten Bilder - einzuschreiben, um sich selber zu
verändern.
Dieser
doppelte Anachronismus, nämlich die professionelle Selbsterfindung der
Humanisten im 14. und 15. Jahrhundert und ihre Anverwandlung im Zuge
einer Identitätspolitik der bürgerlichen Industriegesellschaft fünf
Jahrhunderte später, ist erst am Beginn des 21. Jahrhunderts zum Thema
der neuen Renaissance-Forschung geworden. Weniges, so hat etwa der
Herausgeber eines 2002 erschienenen Sammelbands zum
Renaissance-Individualismus angemerkt, hätte einem Florentiner Kaufmann
des 15. Jahrhunderts einen solchen Horror eingeflösst wie Jacob
Burckhardts Konzept eines autonomen Individuums. Und die Kunsthistoriker
Christopher Wood und Alexander Nagel haben gezeigt, wie mittelalterlich
die vermeintliche Antike der Renaissance-Humanisten war. Die
Substitution verlorener Originale durch jeweils passende «authentische»
Artefakte war nämlich aus der Sicht der ehrgeizigen Gelehrten des 15.
und 16. Jahrhunderts kein Problem: Wie Texte konnten auch
Kunstgegenstände problemlos mehreren Zeitschichten gleichzeitig
angehören. Die antichità der Renaissance war in erster Linie
Rhetorik. Sie schloss nicht nur problemlos Texte und Bauwerke aus dem 5.
oder 12. Jahrhundert ein, sondern diente vor allem auch dazu, Material
aus der Vergangenheit rückwirkend zu verändern und radikal zu
vergegenwärtigen.
Idolino - röm. Kopie nach einem Original aus der Polyklet-Schule; auf Renaissance-Sockel
Idolino - röm. Kopie nach einem Original aus der Polyklet-Schule; auf Renaissance-Sockel
Der
Artikel von Wood und Nagel, 2005 im renommierten «Art Bulletin»
erschienen, hat scharf formulierten Widerspruch hervorgerufen. So
gelehrt und abstrakt solche wissenschaftliche Debatten auch ausgetragen
werden, sie spielen sich nie in einem abgeschlossenen Raum ab, der vom
nichtwissenschaftlichen «Aussen» hermetisch getrennt wäre - von den Jobs
etwa, die Absolventinnen und Absolventen der Geschichte und
Kunstgeschichte nach ihrem Studium anstreben; oder vom Markt für
populäre Sachbücher. Die Wissenschaftshistorikerin Paula Findlen hat
ihre Kollegen deshalb vor einigen Jahren aufgefordert, sich mit den
kitschigen Souvenirs im heutigen Florenz und Rom zu befassen: Produkte
einer Kultur des kommerzialisierten anachronistischen Fragments, die
sich selbst übrigens sehr direkt ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen
lässt. Das kultivierte «schöne Zeitalter» hat endlich begonnen, seine
eigenen vulgären Spiegelbilder ernst zu nehmen.
Zeitgleich
mit der Debatte um die Globalisierung und den politischen Islam sind
auch die Text-, Waren- und Menschenströme ins Zentrum gerückt, die vor
fünfhundert Jahren Westeuropa mit Nordafrika und dem östlichen
Mittelmeer verbunden haben. «Reorienting the Renaissance» hiess 2005 ein
programmatischer Tagungsband. In dieser Perspektive erscheint das
Osmanische Reich nicht mehr wie früher als undurchdringlicher
orientalisch-despotischer Gegner des christlichen Westens, sondern als
Imperium multikultureller Prägung, eingesponnen in vielfältige
materielle und kulturelle Netzwerke mit Italien und Westeuropa. Im 15.
und 16. Jahrhundert war es zeitweise überraschend offen für westliche
Einflüsse - und für ehrgeizige Europäer, die im straff organisierten
türkischen Beamtenstaat steile Karrieren machten.
Brunelleschis Domkuppel, Florenz
Brunelleschis Domkuppel, Florenz
BELTING UND DER MANN AUS BASRA
Der
Kunsthistoriker Hans Belting geht in seinem neuen Buch, «Florenz und
Bagdad. Eine westöstliche Geschichte des Blicks», freilich noch einen
Schritt weiter. Woher, fragt er, stammen die Grundlagen der
Zentralperspektive, jener grundlegenden technischen Innovation, mit der
die Maler und Theoretiker der Renaissance einen neuen Bild- und
Raumbegriff schufen? Generationen von Kunsthistorikern haben im
Proseminar den berühmten Bericht über das Experiment Filippo
Brunelleschis auf dem Domplatz von Florenz studiert, mit dem der Maler
das Zusammenkommen der Sehstrahlen im Auge des Betrachters
demonstrierte. Italienische Humanisten wie Alberti und Vasari liessen
mit dieser Geschichte die triumphale «Wiedergeburt» antiken Wissens als
neue realistische Abbildung der Welt im Bild beginnen.
Die
Theorie der Sehstrahlen, auf der Brunelleschis Modell beruht, wurde
allerdings fast vierhundert Jahre früher von dem im heutigen Basra
geborenen Physiker, Mathematiker und Philosophen Alhazen (965-1039) formuliert. Sein «Kitab al Manazir»,
«Buch der Sehtheorie», wurde ab dem 13. Jahrhundert im lateinischen
Westen unter dem Titel «Perspectiva» fleissig gelesen. Brunelleschis
Konkurrent Ghiberti hat den arabischen Kollegen, zu «Alfantem»
verballhornt, stolz zu seinem eigenen Vorläufer gemacht - und ihn in die
Antike verpflanzt.
Alhazen war nicht nur der Erste, der mit der Camera obscura experimentierte und die antiken Mythen über die vermeintlich vom Auge ausgesandten Strahlen verwarf. Was wir sehen, lehrte er zudem, entsteht in unserem Gehirn. Sein Buch lieferte die mathematischen Grundlagen für die Berechnung von Lichtbrechung, und Belting demonstriert in einer Reihe von «Blickwechseln», wie er sie nennt, die verschiedenen Umsetzungen dieser mathematisch fundierten Sehtheorie in der islamischen und in der westlichen Kunst.
Alhazen
und seine Schüler und Fortsetzer waren an Lichtstrahlen und nicht an
der Herstellung von Bildern als materiellen Abbildern interessiert. Die
arabischen Muqarnas (mit Dekor versehene Gewölbeformen) und Mashrabiyyas
(geschnitzte Holzparavents) analysiert Belting überzeugend als
Höhepunkte einer spezifisch islamischen visuellen Kultur des Lichts und
der mathematischen Muster, denen er die illusionistischen Blick- und
Bühnenräume des Westens gegenüberstellt. Dabei geht es ihm nicht um
Wertungen. Denn die Zentralperspektive, wie er nicht ohne Ironie
gegenüber der traditionellen Kunstgeschichte anmerkt, ist weder eine
Norm noch ein tauglicher Maßstab zur Beurteilung unterschiedlicher Seh-
und Blickweisen, sondern eine Konvention - und zwar eine, die nicht zu
trennen ist von der mythischen Erzählung der Selbsterfindung eines
«autonomen» Renaissancekünstlers.
Dürer, Perspektivstudien
In der Praxis des 16. Jahrhunderts verliefen die Verbindungen zwischen Ost und West ohnehin anders, den verschlungenen Linien der «Arabesken» nicht unähnlich, komplexen geometrischen persischen Girih-(«Knoten»-)Mustern, die Albrecht Dürer 1506 in einer Serie von Holzschnitten fasziniert nachzeichnete. Aufwendig mit solchen Arabesken verzierte Objekte aus Metall wurden im 15. Jahrhundert im heutigen Iran auch für westliche Kunden gefertigt; die Forschung tut sich bis heute schwer, arabische Originale und venezianische Kopien dieser teuer gehandelten Kunstwerke zu unterschieden. Auch das ist die Renaissance.
In der Praxis des 16. Jahrhunderts verliefen die Verbindungen zwischen Ost und West ohnehin anders, den verschlungenen Linien der «Arabesken» nicht unähnlich, komplexen geometrischen persischen Girih-(«Knoten»-)Mustern, die Albrecht Dürer 1506 in einer Serie von Holzschnitten fasziniert nachzeichnete. Aufwendig mit solchen Arabesken verzierte Objekte aus Metall wurden im 15. Jahrhundert im heutigen Iran auch für westliche Kunden gefertigt; die Forschung tut sich bis heute schwer, arabische Originale und venezianische Kopien dieser teuer gehandelten Kunstwerke zu unterschieden. Auch das ist die Renaissance.
VERGANGENHEIT - KEIN SICHERER ORT
An
Beltings Versuch lässt sich durchaus im Detail Kritik üben. Manche
seiner Überlegungen sind nur in groben Umrissen skizziert; anderes, etwa
seine Überlegungen zur Geschichte des Horizonts und des Fensterblicks,
wird nur angedeutet; dabei kommen stellenweise erratische Bonmots
heraus: «Das westliche Fenster ist, so gesehen, eine lokale
Erscheinung.» Und darf man in einer wissenschaftlichen Studie wirklich
den strikt traditionalistischen Onkel aus Orhan Pamuks historischem
Roman «Mein Name ist rot» als Protagonisten auftreten lassen? Natürlich -
denn Belting ist etwas Grundsätzliches gelungen, wie ein etwas strenger
Rezensent, Altmeister des Fachs, in der «Süddeutschen Zeitung» bemerkt
hat. Man werde «in Zukunft um die arabische Frage nicht mehr
herumkommen».
Und
das ist gut so. Denn Geschichte und Kunstgeschichte als Wissenschaften
werden daran gemessen, dass sie nicht nur neue Informationen über die
Vergangenheit hervorbringen, sondern auch neue Ideen darüber, was man
mit diesem Wissen anfangen kann. Die Vergangenheit ist kein sicherer Ort
- zum Glück. Geschichte ist eine Baustelle, auf der immer neue
Konstellationen von Identitätspolitik ausprobiert werden. Deswegen
müssen die Erforscher der Renaissance (wie auch ihre fürs Mittelalter
zuständigen Kolleginnen und Kollegen) sich am Beginn des
21. Jahrhunderts möglicherweise hinsetzen und Arabisch oder Türkisch
lernen. Oder doch wenigstens ihre Studierenden ermutigen, es zu tun.
Einfach deswegen, weil sich Europa verändert. Und die Renaissance
ebenfalls.
Hans Belting: Florenz und Bagdad. Eine westöstliche Geschichte des Blicks. C. H. Beck, München 2008. 320 S., 109 Abb., Fr. 52.20.
Prof. Dr. Valentin Groebner lehrt allgemeine und Schweizer Geschichte des Mittelalters und der Renaissance an der Universität Luzern; jüngste Buchpublikation: «Das Mittelalter hört nicht auf. Über historisches Erzählen» (C. H. Beck).









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