Steven Pinker versucht sich als Historiker
«Engel» und «Dämonen»
Gründe für die allmähliche weltgeschichtliche Wende zum Guten macht der Autor in seinem persönlich und zuweilen ironisch formulierten Buch mehrere aus: das Gewaltmonopol der neuzeitlichen Staaten, die Ausbreitung von Welthandel und offenen Ökonomien, den Kosmopolitismus, die Zunahme höherer Bildungsabschlüsse. Das Programm der europäischen Aufklärung zeitige Wirkung und führe die Menschheit nach und nach in eine friedlichere Welt, die oftmals gescholtene Moderne sei keine Sackgasse. In evolutionspsychologischer Perspektive hätten die «Engel» Empathie, Selbstbeherrschung und Vernunft die Oberhand über die «Dämonen» Rache, Sadismus und Machtstreben gewonnen.
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Auch wenn Steven Pinker nicht mit einer monokausalen These aufwartet, auch wenn er ab und zu relativiert und nicht in die Fallen einer simplen Evolutionspsychologie tappt, welche die Welt mit den zwei differenten Sexualstrategien von Männlein und Weiblein erklärt: Seine Schlussfolgerung klingt ein bisschen wie der Werbespot eines Vertreters des westlichen, auf liberaler Demokratie und Marktwirtschaft beruhenden Zivilisationsmodells. Der Autor ist der Überzeugung, dass die Leistungen dieses Modells zu wenig gewürdigt würden, auch von den Medien, die sich auf jeden Mord stürzten, was bei den Rezipienten zum Glauben führe, in einer besonders gewalttätigen Zeit zu leben. Sein Buch richtet sich ferner gegen Sozialromantiker und Kulturkritiker, welche die Vergangenheit verklärten.
Geringer Erkenntnisgewinn
Auf die letzten fünfhundert Jahre und auf den Westen bezogen, dürfte Steven Pinkers These zutreffen, auch wenn der die Gewalt messende Parameter, die Anzahl der Toten, ein reichlich grobes Instrument ist. Niemand wird bestreiten, dass die Gewalt zwischen Klans und Staaten seit dem Mittelalter zurückgegangen ist, der Zivilisationsprozess manch dunklen Trieb eingedämmt hat, Hunger und Armut auf dem Rückmarsch sind und die Lebenserwartung, wahrscheinlich auch die Lebensqualität gestiegen sind. Das ist indes nichts Neues. Ob diese Entwicklung anhält, ist eine andere Frage, aber der Autor betätigt sich zumindest nicht als Prophet.
Steven Pinker versucht sich als Historiker, ist aber mit den Grundsätzen der Historiografie offenbar nicht vertraut. Quellenkritisch geht er unbedarft vor. Eine Quelle verweist nie direkt auf die Realität, doch der Psychologe findet etwa in der Bibel und in mittelalterlichen Holzschnitten unmittelbare Belege für vormoderne Genozide. Die Andersartigkeit vergangener Zeiten entgeht ihm völlig. Pinker mag seine Sicht der Dinge bestätigt sehen, indem er die gesamte Weltgeschichte anhand eines Parameters über einen Leisten schlägt. Doch die Methode ist zweifelhaft, der Erkenntnisgewinn gering.
Steven Pinker:
Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit. Aus dem Amerikanischen von
Sebastian Vogel. S. Fischer, Frankfurt am Main 2011. 1212 S., Fr.
36.50
Nota.
"Der Erkenntnisgewinn ist gering", ja freilich, denn in Summa hat man das Wesentliche längst gewusst - oder wissen können, wenn es nicht von jener spezifischen Mischung aus Political correctness und organischer Appeasement-Mentalität in den vergangenen Jahrzehnten unter den Teppich gekehrt worden wäre. Und natürlich ist Pinker kein Historiker, natürlich ist die bloße Anzahl der Toten ein dürftiger Maßstab. Aber wenn ich es recht verstehe, argumentiert Pinker nicht bloß mit der Zahl der Toten, sondern viel mehr noch mit dem Grad der Grausamkeit. Den kann man nicht in Zahlen messen, wie wahr. Aber es ist auch überhaupt nicht nötig.

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