Mittwoch, 18. Januar 2012

Staatstheater.

aus NZZ, 18. 1. 2012

Repräsentation und Projektion
 
Über einige Aspekte des Staatstheaters
 
von Uwe Justus Wenzel · Repräsentation ist zauberhaft. Das springt ins Auge, sobald man sich klarmacht, was Repräsentanten dem elementaren Wortsinne nach tun, wenn sie repräsentieren: Sie vergegenwärtigen etwas, das an sich nicht gegenwärtig und auch anderswo nicht einfach vorhanden, nicht so «da» ist, wie etwa ein gesuchter Stuhl am Tisch im Nebenzimmer steht. Repräsentanten zaubern, wenn man so will, etwas aus dem Hut. Das weisse Kaninchen ist im Falle hoher und höchster politischer Repräsentation das Gemeinwesen selbst, näherhin dessen Einheit; beides soll, sofern es ein solches gibt, im Staatsoberhaupt irgendwie «verkörpert», sichtbar, dargestellt sein. Dass dieser Repräsentant, wie die Bezeichnung «Oberhaupt» nahelegt, der Kopf und das Repräsentierte folglich der Körper sei, nämlich die denkbar umfassendste Körperschaft des «gemeinen Wesens», sollte nicht zu der irrigen Ansicht verleiten, was und wer da vertreten werde, falle nur passiv ins Gewicht. So ist es nicht, zumal in Demokratien nicht - und in Mediendemokratien erst recht nicht. Die Rede ist nicht von Wählerstimmen und auch nicht vom ordentlich kundgetanen Wählerwillen, sondern von Stimmungen, richtiger: von Gefühlen, Wünschen und Bedürfnissen, die aus dem Volkskörper oder auch der Volksseele aufsteigen und dem Oberhaupt, etwa wenn es Zeitung liest oder fernsieht, gleichsam durch den Kopf gehen. In Demokratien, in denen das Amt des Präsidenten ein in diesem Sinne «rein» repräsentatives ist, fungiert das Oberhaupt gewissermassen selbst als ein Medium: als das Medium der Selbstbespiegelung der Gesellschaft. Das ist übrigens eine Funktion, die über diejenige hinausgeht, welche Hegel im 19. Jahrhundert dem Oberhaupt allein noch zudachte: An der Spitze einer «vollendeten Organisation» brauche der Monarch nur ein Mensch zu sein, «der 'Ja' sagt und den Punkt auf das i setzt».

So manches Kaninchen ist mithin von denen, die bei der Zaubervorstellung im Zuschauerraum des mediendemokratischen Staatstheaters sitzen, selbst in den Zylinder gesteckt worden. Anders gesagt: Repräsentation hat stets auch Züge einer Projektion. Das bringt einige Komplikationen mit sich; nicht nur, weil Projektionen gerne aus dem Unbewussten kommen, sondern auch, weil nicht immer klar ist, ob das Bild, das sie entstehen lassen, ein Vorbild sein soll oder ein Abbild ist: Sollen jene Charaktere, die Staatsbürger von den obersten Staatsschauspielern gerne verkörpert sähen, so wie die Bürger selbst sein oder anders, nämlich vorbildlich besser? Die erste Antwort lautet selbstredend: Besser, wenigstens ein wenig besser als «wir» sollte sein, wer «uns» repräsentiert; nur dann kann das Oberhaupt seiner eher moralischen als politischen Rolle genügen, die Glieder des «gemeinen Wesens» freundlich, aber bestimmt zu ermahnen oder zu guten Taten zu ermuntern. Andererseits aber, und hier kommt das Unbewusste stärker ins Spiel, meldet sich ein Bedenken: Die Rolle, die für den ersten unter den Staatsschauspielern vorgesehen ist, sollte ihn doch auch nicht so weit vom Publikum entfernen, dass dieses sich in seinem Protagonisten gar nicht mehr wiedererkennt. Und zuzeiten kann ein solches Publikum sich dann eben in jemandem lieber spiegeln wollen, der so unvollkommen, schwach und mittelmässig ist, wie es selbst sich fühlt.

Eines der Probleme, die derzeit nicht wenige Deutsche mit ihrem ersten Bürger und folglich auch mit sich haben, ist anscheinend, dass sie beides zugleich möchten: einen, der anders ist als sie, und einen, der ihnen ähnelt. So zumindest würde eine per Umfrage erstellte Momentaufnahme der Meinungen verständlich, wonach über siebzig Prozent der Befragten ihren Bundespräsidenten nach all den Peinlichkeiten, die er sich hat zuschulden kommen lassen, für «dauerhaft beschädigt» halten, aber die Hälfte sich dennoch für dessen Verbleib im Amte ausspricht. Bei solch widersprüchlichen Regungen des deutschen «gemeinen Wesens» verwundert es nicht, dass das Haupt, in dem es verkörpert wird, um Klarheit ringt.

Die Schweiz hat es da besser. Dies nicht deswegen, weil vor einigen Tagen der Repräsentant einer staats- und lebenswichtigen Institution gezeigt hat, was es unter Umständen heissen kann, Verantwortungs-bewusstsein zu beweisen. «Tu felix Confoederatio Helvetica» gilt vielmehr, weil die Eidgenossenschaft gar kein alleroberstes repräsentatives Amt zu vergeben hat. Es gibt kein Staatsoberhaupt; die dennoch anfallenden staatsprotokollarischen Aufgaben werden sozusagen nebenbei vom Bundesrat mit erledigt - einem Regierungskollegium, das seinerseits, wie ausserhalb der Schweiz kaum bekannt, Chef oder Chefin nicht kennt. Die Bundespräsidentin, so viel Landeskunde muss sein, ist lediglich eine Prima inter Pares. - All das spart Repräsentationskosten, auch und gerade solche nichtfinanzieller Natur.

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