Donnerstag, 26. Januar 2012

Völkermord in Armenien.

aus NZZ, 25. 1. 2012


Die Tragödie der Armenier im Ersten Weltkrieg
 
Kontroverse Beurteilung der Vertreibung und der Massaker im zerfallenden Osmanischen Reich


Vieles deutet darauf hin, dass die Vertreibung der osmanischen Armenier aus Anatolien ein Völkermord war. Die damaligen jungtürkischen Machthaber sahen im multiethnischen Anatolien den künftigen Lebensraum für die türkische Nation.

von Cyrill Stieger

Nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs herrschte im Nordosten Anatoliens Chaos. Der Anfang 1915 vom jungtürkischen Regime begonnene Kaukasus-Feldzug endete mit einer Niederlage. Die Jungtürken, die später den Kern der von Mustafa Kemal Atatürk gegründeten Republikanischen Volkspartei bildeten, hatten 1913 in einem Staatsstreich die Macht im zerfallenden Osmanischen Reich übernommen. Im Kaukasus-Feldzug unterstützte eine Minderheit der christlichen Armenier Russland. In der türkischen Sichtweise hatten sich hingegen viele Armenier auf die Seite der Feinde der Jungtürken geschlagen, weil sie auf einen unabhängigen Staat hofften. Nach Meinung der Gegenseite wollten die meisten osmanischen Armenier jedoch keinen eigenen Staat. Sie hätten lediglich wirtschaftliche und soziale Reformen innerhalb des Osmanischen Reiches gefordert.

Unterschiedliche Opferzahlen

Am 24. April 1915 liessen die Jungtürken als Antwort auf einen armenischen Aufstand in der osttürkischen Stadt Van über 200 armenische Intellektuelle, Politiker und Geistliche in Istanbul festnehmen. Die meisten wurden umgebracht. Am 27. Mai unterzeichnete die Führung in Istanbul ein Gesetz über die Umsiedlung der in Anatolien lebenden Armenier. Damit begannen die Massendeportationen in die nordsyrische Wüste bei Aleppo. Deportiert wurden jedoch nicht nur Armenier aus Gebieten an der Ostfront, sondern auch aus andern Teilen Anatoliens. Viele Männer, Frauen und Kinder, welche die Todesmärsche und Massaker überlebten, starben 1916 in Lagern in Syrien an Hunger, Erschöpfung und an Krankheiten. Andere wurden umgebracht.

Nach armenischen Angaben sind insgesamt 1,5 Millionen Armenier ums Leben gekommen. Das osmanische Innenministerium nannte 1919 eine Zahl von 800 000 bis 900 000. Vor dem Ersten Weltkrieg hatten rund 2 Millionen Armenier in Anatolien gelebt. Nach dem Ende des Kriegs kam es im besetzten Istanbul auf Druck der Siegermächte zu Prozessen. Zwischen 1919 und 1921 wurden von einem osmanischen Gericht mehr als ein Dutzend Angeklagte zum Tode verurteilt, und zwar wegen systematischer und vorsätzlicher Vernichtung der Armenier Anatoliens. Drei Todesurteile wurden vollstreckt.

Laut der jungtürkischen Sprachregelung handelte es sich um eine «vorübergehende Umsiedlung». Dies sei eine kriegsbedingte Massnahme gewesen, eine Folge der armenischen Aufstände und der Massaker an Muslimen sowie der Kollaboration der Armenier mit Russland. Nach Ansicht Ankaras haben die Jungtürken nie die Absicht gehabt, die Armenier als Volksgruppe dauerhaft zu vertreiben oder gar zu vernichten. Armenier seien - ebenso wie Türken - Opfer der Kriegswirren geworden. Heute wird zwar auch von offizieller türkischer Seite eingeräumt, dass es viele Opfer gegeben habe, von einem Genozid könne aber keine Rede sein.

Aus der Sicht Armeniens und der meisten ausländischen Historiker waren die Jungtürken bei der von oben angeordneten Deportation jedoch planmässig und systematisch vorgegangen. Damit wäre der Straftatbestand Genozid erfüllt. Sie stützen sich bei dieser Einschätzung auf Aussagen, die an den Prozessen von Istanbul gemacht wurden, auf Äusserungen von Zeitgenossen, auf Berichte von Opfern und Augenzeugen. Zweifellos bestand das Ziel der Jungtürken darin, einen einheitlichen türkischen Nationalstaat zu bilden. Sie sahen im multiethnischen Anatolien den künftigen Lebensraum der türkischen Nation. Dieses Ziel konnte nur durch eine dauerhafte Vertreibung der armenischen Bevölkerung erreicht werden.

Wenig hilfreiche Gesetze

Zweifel sind mehr als berechtigt, ob es sinnvoll ist, ein historisches Ereignis per Gesetz zu bewerten. Ebenso kann man der Meinung sein, dass die Deutung historischer Ereignisse nicht Sache von Parlamentariern und Politikern ist, sondern von Historikern und anderen Wissenschaftern. Türkische Intellektuelle, unter ihnen Angehörige der armenischen Minderheit in der Türkei, die sich für eine Auseinandersetzung mit dem kemalistischen Erbe einsetzen, betrachten Genozid-Gesetze ausländischer Parlamente als wenig hilfreich. Ihrer Meinung nach erschweren sie die Aufarbeitung der damaligen Ereignisse und sabotieren die zaghaften Versuche einer türkisch-armenischen Aussöhnung.


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