Der Westen und der Rest
Institutionelle Vorteile bleiben
von Thomas Speckmann · Ist der Titel von Niall Fergusons neuem Buch «Der Westen und der Rest der Welt» noch zeitgemäss? Müsste er angesichts der westlichen Staatsschuldenkrise nicht lauten «Die Welt und der Rest vom Westen»? Schliesslich konstatiert Ferguson, dass es für absteigende Mächte immer ein Dilemma ist, wie sie mit kommenden Mächten umgehen sollen. Sollte also Amerika versuchen, China einzudämmen? Oder China zu beschwichtigen? Anhand von neuen Meinungsumfragen zeigt Ferguson, dass die Amerikaner in dieser Frage gespalten sind: Fast die Hälfte erwartet nicht, dass China ihr Land als wichtigste Supermacht ablösen wird. Eine ähnlich hohe Zahl vertritt jedoch die gegenteilige Meinung.
Das Ende der Vorherrschaft

Niall Ferguson:
Der Westen und der Rest der Welt. Die Geschichte vom Wettstreit der
Kulturen. Propyläen-Verlag, Berlin 2011. 559 S., Fr. 35.90.
Zwar ist der militärische Rückzug von den Bergen des Hindukusch oder aus den Ebenen Mesopotamiens seit je der Vorbote von Niedergang. Aber gerade weil Ferguson in seinem neuen Werk die Lebenszyklen der Mächte und Kulturen der Weltgeschichte untersucht hat, warnt er die westliche Zivilisation vor einem übertriebenen Fatalismus: Gewiss seien die Dinge, die den Westen einst vor dem Rest der Welt ausgezeichnet hätten, nicht mehr sein Monopol - die Chinesen haben den Kapitalismus übernommen, die Iraner die Naturwissenschaften, die Russen - zumindest formal - die Demokratie. Aber dies bedeutet auch, dass die westliche Art, die Dinge zu gestalten, nicht als überholt anzusehen ist, sondern fast überall auf der Welt blüht und gedeiht - oder wie er es formuliert: «Eine wachsende Zahl von Nicht-Westlern schläft, duscht, arbeitet, spielt, isst, trinkt, reist und kleidet sich wie die Leute aus dem Westen.» Die westliche Zivilisation biete der übrigen Welt ein ganzes «Paket»: politischen Pluralismus in Form verschiedener Staaten und Autoritäten, Kapitalismus, Gedankenfreiheit, wissenschaftliche Methode, Rechtsstaatlichkeit, das Recht auf Eigentum und Demokratie.
Bis heute besitzt der Westen nach Fergusons Beobachtung mehr von diesen institutionellen Vorteilen als die übrige Welt. China hat keinen politischen Wettbewerb, Iran keine Gewissensfreiheit. In Russland wird zwar gewählt, aber die Rechtsstaatlichkeit ist nur Schein. Und in keinem dieser Länder existiert eine freie Presse.
Selbstvertrauen trotz Krisen
Fergusons «westliches Gesamtpaket» offeriert den Gesellschaften das beste gegenwärtig erhältliche Angebot an wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Institutionen, die am ehesten die individuelle Kreativität freisetzen, die fähig scheint, all die Probleme zu lösen, vor denen die Welt im 21. Jahrhundert steht. Dieses kluge Buch zeigt dem Westen, dass es keinen Grund gibt, den Glauben an sich selbst zu verlieren - allen Krisen zum Trotz.

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