aus NZZ, 21. 1. 2012
von Daniel Jütte · Nicht
weniger als eine Abhandlung über «Die Zukunft der Geschichte»
verspricht der Titel dieses schmalen Bandes. Vermutlich hätten die
meisten anderen Historiker ein solches Unternehmen, zumindest im
Untertitel, vorsichtshalber als «Essay» gekennzeichnet. Nicht so John
Lukacs. Mit dem Florett zu fechten, ist seine Sache nicht. Allerdings
kann der 87 Jahre alte Autor sich diese Attitüde leisten: Fast ein
halbes Jahrhundert hat der in Ungarn geborene Historiker an
verschiedenen Universitäten in den USA Geschichte gelehrt (die meiste
Zeit am Chestnut Hill College in Philadelphia). Knapp dreissig Bücher
hat er während seiner Laufbahn geschrieben.
Die meisten seiner Bücher - einige
liegen in deutscher Übersetzung vor - kreisen um die Geschichte des
Zweiten Weltkriegs, insbesondere um die Protagonisten Churchill und
Hitler. Doch auch das Interesse an der Geschichtsschreibung und ihren
Methoden zieht sich durch Lukacs' OEuvre. «The Future of History» greift
diesen Faden auf, ist aber keineswegs ein Werk von Altersmilde.
Wenngleich Lukacs konstatiert, dass «der Appetit auf Geschichte» in
unserer Zeit beträchtlich sei, sieht er die Zukunft des akademischen
Faches Geschichte mit Sorge und Skepsis. Er kritisiert die zunehmende
«Bürokratisierung» und Spezialisierung der Geschichtswissenschaft, die
Trivialisierung der akademischen Lehre, die Verdrängung des Buchs als
Leitmedium und die zunehmende Verkürzung von unser aller
Aufmerksamkeitsspanne (mangelnde Aufmerksamkeit nicht zuletzt gegenüber
einigen seiner eigenen Bücher, wie er offenherzig beklagt). In den neuen
Medien, namentlich dem Internet, sieht Lukacs vor diesem Hintergrund
wenig Nutzen, aber viel Nachteil für die Historie. Die Argumente, die er
in diesem Zusammenhang anführt, sind nicht allesamt neu. Aber sie sind
teilweise mit anregenden Beobachtungen verwoben, wie derjenigen, dass
die Idee der auf Anhieb anspringenden «Suchmaschine» sich fundamental
von einem Verständnis von Forschung als geduldiger «re-search»
unterscheidet.
Insbesondere wer zur Kulturkritik
aufgelegt ist, mag dem bekennenden Traditionalisten Lukacs so weit im
Grossen und Ganzen beipflichten. Recht fragwürdig und exzentrisch wird
das Buch allerdings dort, wo Lukacs ganze Zweige der gegenwärtigen
Geschichtswissenschaft im Vorübergehen kurzerhand zu Holzwegen erklärt.
An Forschungsgebieten wie etwa der Sozial- und Geschlechtergeschichte
kommt ihm vieles «lächerlich» vor, und eine vom Autor bunt
zusammengewürfelte Liste von Neuerscheinungen soll belegen, wie «tief
das Fach Geschichte teilweise inzwischen gesunken ist».
Mit Nachdruck rät er angehenden
Studenten, ihren «intellektuellen Appetit» an der Politik- und
Militärgeschichte zu stillen. Hier werden also die entscheidenden
Momente der Weltgeschichte und von deren Protagonisten, wie sie in
Lukacs eigenen Büchern eine so zentrale Rolle spielen, voll
rehabilitiert und wieder auf jenen Sockel gestellt, der - in der Sicht
des Autors - von kleingeistigen Historikern in den letzten Jahrzehnten
mit dem Hinweis auf Strukturen und Mentalitäten unterhöhlt worden ist.
Es fügt sich in dieses Bild, wenn Lukacs beklagt, dass nicht zuletzt die
Sozialgeschichte verantwortlich für den Einzug von unlesbaren Aufsätzen
in historische Fachzeitschriften sei. Anstatt sich an einem nicht
einlösbaren Ideal von Objektivität und Wissenschaftlichkeit
auszurichten, solle die Geschichtswissenschaft sich eher an der
Literatur orientieren.
Dies ist kein ganz neuer, aber
durchaus vertretbarer Standpunkt. Ob darin allerdings die «Zukunft der
Geschichte» liegt, von der das Buch dem Titel nach handelt, bleibt mehr
als fraglich. Mit seinem apodiktischen Gestus und seinen pauschalen
Urteilen tut Lukacs seiner Argumentation jedenfalls kaum einen Gefallen.
Sein Buch erfüllt zwar zugegebenermassen den selbstgesteckten Anspruch
der Lesbarkeit, aber es ist deswegen nicht in allen Teil gleichermassen
lesenswert.
John Lukacs: The Future of History. Yale University Press, New Haven 2011. 177 S., $ 26.-.
Nota.
Vielleicht ist ein wenig zu lange das Interesse der Geschichtsschreibung zu sehr darauf gerichtet gewesen, dass die Menschen ihre Geschichte 'nicht unter frei gewählten Umständen' machen - und zu sehr nach Bedingungsgefügen und Langer Dauer gesucht worden. Da mag es gelegentlich nützlich sein, wenn einer daran erinnert, dass sie ihre Geschichte nichtsdestoweniger selber machen. Und, alles was recht ist, nicht ein jeder so sehr wie jeder andere. Gleich sind die Menschen nach dem Naturrecht. In der Geschichte waren sie es noch nie.

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