von Andreas Breitenstein ·
Er ist zweifellos der Wirtschaftshistoriker der Stunde, und
entsprechend gross war der Andrang zum Vortrag, den der Brite Niall Ferguson auf Einladung des Schweizerischen Instituts für
Auslandforschung an der Universität Zürich über einen allenfalls
möglichen politischen und wirtschaftlichen Kollaps Europas wie der USA
ganz ohne Manuskript und in glänzendem Englisch hielt. Auf der Rückreise
vom WEF und vom Skifahren in Davos, war Ferguson sichtlich aufgeräumt,
so dass sich das Publikum nicht nur mit profunden Einsichten und
kraftvollen Thesen, sondern auch mit viel Esprit und Charme (und gar
einer vom Genius Loci der Aula inspirierten Imitation von Churchills
Rhetorik) belohnt sah.
Seit dem Ausbruch der Finanz- und
Schuldenkrise gilt der 47-jährige Oxford- und Harvard-Professor als
massgeblicher Analytiker einer unübersichtlich, ja dramatisch gewordenen
ökonomischen Gegenwart. Mit seinem Buch «Der Westen und der Rest der
Welt» hat er sich darüber hinaus zum Vordenker einer Entwicklung
gemacht, die über die herrschende Krise hinausgreift und sie im
Innersten mitverursacht: dem Ende der globalen Vormachtstellung des
Westens durch den Aufstieg seiner gelehrigen und fleissigen Schüler in
Asien und Südamerika. Sechs «Killer-Apps» haben laut Ferguson die
Karriere Europas und Amerikas ermöglicht und deren Überlegenheit
fünfhundert Jahre lang zementiert: Wettbewerb, Wissenschaft,
Rechtsstaat, moderne Medizin, Konsum und Arbeitsethik. Mittlerweile
haben Staaten wie China, Taiwan, Südkorea, Indonesien, Indien und
Brasilien diese «downgeloadet» - wobei es indes einen Unterschied macht,
ob alle oder nur manche.
Anhand der Davoser Reden von
Angela Merkel und David Cameron legte Ferguson den Finger auf die
Wunden, die der EU zu schaffen machen. Die Einführung des Euro sei der
Hybris und Naivität entwachsen, einen disparaten Wirtschaftsraum durch
das Dekret einer gemeinsamen Währung integrieren zu können - nun erhalte
man dafür die Quittung. Während Ferguson das britische Abseitsstehen in
Sachen Euro und verschärfter Integration als konsistent bezeichnet,
hält er Merkels Vision von einer «Bundesrepublik Europa» so lange für
eine Chimäre, als diese allein durch ein umfassendes Sparregime
hergestellt werden soll. Für ein vereinigtes Europa seien eine
Fiskalunion, ein Länder-Finanzausgleich sowie Euro-Bonds unabdingbar.
Freilich: Selbst wenn in ganz Europa wie durch ein Wunder deutsche
Zustände (hohe Produktivität, tiefe Verschuldung, Ordnungssinn und
Rechtsbewusstsein) ausbrächen, sei der Kontinent nicht aus dem
Schneider. Die europäischen Probleme lägen tiefer als die
Unterkapitalisierung der Banken, die Nord-Süd-Produktivitäts-Schere oder
die Demografie-Krise - es sei die sträfliche Vernachlässigung der
«Killer-Apps» zumal an der Peripherie, die Europas Fundament unterspüle
und wegbrechen lasse. Dies betreffe sowohl die Institutionen als auch
die Ideen.
Schockierend sei es, so Ferguson,
wie vielerorts mit dem Rechtsstaat umgegangen werde. Wer die
WTO-Kennzahlen des «Annual Competition Report» zu Italien lese, meine
jene Venezuelas vor sich zu haben. In den USA herrsche nicht mehr die
«Rule of Law», sondern die «Rule of Lawyers». Bezüglich
Patentanmeldungen habe China im Jahr 2009 Deutschland überholt. In
Hongkong lebe man länger als in den USA; der Koreaner arbeite pro Jahr
1000 Stunden mehr als der Deutsche; und die chinesischen Schüler seien
ihren europäischen Gespanen in Mathematik und Naturwissenschaften
haushoch überlegen. Zwar stelle der Westen noch die meisten
Nobelpreisträger, doch seien dies meist ältere Herren. Nach wie vor
werde die elektronische Zukunft im Silicon Valley erfunden, doch sei es
nur eine Frage der Zeit, bis sich dies ändere.
Während Ferguson an Europas
Fähigkeit zweifelt, die Probleme als solche zu erkennen, geschweige
denn, darauf zu reagieren, glaubt er, dass in den USA trotz drängenden
Problemen die «App»-Instinkte wach geblieben sind. Die Amerikaner hätten
ein Bewusstsein davon, wie die Dinge zu sein hätten, und die
Bereitschaft, selbst anzupacken, statt auf den Staat zu warten. Die
Europäer in ihrem Etatismus und ihrer Anspruchsmentalität sitzen hier
ganz schön in der Patsche.

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