Mittwoch, 1. Februar 2012

Europas Schlendrian.

aus NZZ, 1. 2. 1012

Niall Ferguson referierte in Zürich


von Andreas Breitenstein · Er ist zweifellos der Wirtschaftshistoriker der Stunde, und entsprechend gross war der Andrang zum Vortrag, den der Brite Niall Ferguson auf Einladung des Schweizerischen Instituts für Auslandforschung an der Universität Zürich über einen allenfalls möglichen politischen und wirtschaftlichen Kollaps Europas wie der USA ganz ohne Manuskript und in glänzendem Englisch hielt. Auf der Rückreise vom WEF und vom Skifahren in Davos, war Ferguson sichtlich aufgeräumt, so dass sich das Publikum nicht nur mit profunden Einsichten und kraftvollen Thesen, sondern auch mit viel Esprit und Charme (und gar einer vom Genius Loci der Aula inspirierten Imitation von Churchills Rhetorik) belohnt sah.

Seit dem Ausbruch der Finanz- und Schuldenkrise gilt der 47-jährige Oxford- und Harvard-Professor als massgeblicher Analytiker einer unübersichtlich, ja dramatisch gewordenen ökonomischen Gegenwart. Mit seinem Buch «Der Westen und der Rest der Welt» hat er sich darüber hinaus zum Vordenker einer Entwicklung gemacht, die über die herrschende Krise hinausgreift und sie im Innersten mitverursacht: dem Ende der globalen Vormachtstellung des Westens durch den Aufstieg seiner gelehrigen und fleissigen Schüler in Asien und Südamerika. Sechs «Killer-Apps» haben laut Ferguson die Karriere Europas und Amerikas ermöglicht und deren Überlegenheit fünfhundert Jahre lang zementiert: Wettbewerb, Wissenschaft, Rechtsstaat, moderne Medizin, Konsum und Arbeitsethik. Mittlerweile haben Staaten wie China, Taiwan, Südkorea, Indonesien, Indien und Brasilien diese «downgeloadet» - wobei es indes einen Unterschied macht, ob alle oder nur manche.

Anhand der Davoser Reden von Angela Merkel und David Cameron legte Ferguson den Finger auf die 
Wunden, die der EU zu schaffen machen. Die Einführung des Euro sei der Hybris und Naivität entwachsen, einen disparaten Wirtschaftsraum durch das Dekret einer gemeinsamen Währung integrieren zu können - nun erhalte man dafür die Quittung. Während Ferguson das britische Abseitsstehen in Sachen Euro und verschärfter Integration als konsistent bezeichnet, hält er Merkels Vision von einer «Bundesrepublik Europa» so lange für eine Chimäre, als diese allein durch ein umfassendes Sparregime hergestellt werden soll. Für ein vereinigtes Europa seien eine Fiskalunion, ein Länder-Finanzausgleich sowie Euro-Bonds unabdingbar. Freilich: Selbst wenn in ganz Europa wie durch ein Wunder deutsche Zustände (hohe Produktivität, tiefe Verschuldung, Ordnungssinn und Rechtsbewusstsein) ausbrächen, sei der Kontinent nicht aus dem Schneider. Die europäischen Probleme lägen tiefer als die Unterkapitalisierung der Banken, die Nord-Süd-Produktivitäts-Schere oder die Demografie-Krise - es sei die sträfliche Vernachlässigung der «Killer-Apps» zumal an der Peripherie, die Europas Fundament unterspüle und wegbrechen lasse. Dies betreffe sowohl die Institutionen als auch die Ideen.

Schockierend sei es, so Ferguson, wie vielerorts mit dem Rechtsstaat umgegangen werde. Wer die WTO-Kennzahlen des «Annual Competition Report» zu Italien lese, meine jene Venezuelas vor sich zu haben. In den USA herrsche nicht mehr die «Rule of Law», sondern die «Rule of Lawyers». Bezüglich Patentanmeldungen habe China im Jahr 2009 Deutschland überholt. In Hongkong lebe man länger als in den USA; der Koreaner arbeite pro Jahr 1000 Stunden mehr als der Deutsche; und die chinesischen Schüler seien ihren europäischen Gespanen in Mathematik und Naturwissenschaften haushoch überlegen. Zwar stelle der Westen noch die meisten Nobelpreisträger, doch seien dies meist ältere Herren. Nach wie vor werde die elektronische Zukunft im Silicon Valley erfunden, doch sei es nur eine Frage der Zeit, bis sich dies ändere.

Während Ferguson an Europas Fähigkeit zweifelt, die Probleme als solche zu erkennen, geschweige denn, darauf zu reagieren, glaubt er, dass in den USA trotz drängenden Problemen die «App»-Instinkte wach geblieben sind. Die Amerikaner hätten ein Bewusstsein davon, wie die Dinge zu sein hätten, und die Bereitschaft, selbst anzupacken, statt auf den Staat zu warten. Die Europäer in ihrem Etatismus und ihrer Anspruchsmentalität sitzen hier ganz schön in der Patsche.



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