Wenn
ein Besucher von einem andern Stern zu mir käme und sagte, er wolle
unser zwanzigstes Jahrhundert verstehen, würde ich antworten: Sieh dir
das Leben Leo Trotzkis an. Das ist der Schlüssel.
J.E.
aus NZZ, 21. 2. 2012
Vor zwei Jahren ist eine Trotzki-Biografie des
Oxforder Historikers Robert Service erschienen, die nicht nur Zustimmung
erntet. Gegen eine bei Suhrkamp angekündigte deutsche Übersetzung hat
sich Protest formiert. Der Verlag hält an der Veröffentlichung fest - zu
Recht.
von Ulrich M. Schmid
Im Jahr 2009 ist bei den renommierten Verlagen Macmillan und Harvard University Press eine umfangreiche Trotzki-Biografie aus der Feder des Oxforder Russland-Historikers Robert Service erschienen. Service war bereits früher hervorgetreten mit Lenin- und Stalin-Lebensbeschreibungen, für die er viel Anerkennung erhielt. Auch die Trotzki-Biografie wurde zunächst von der Fachwelt freundlich aufgenommen. Allerdings schaltete sich sehr bald David North, ein langjähriger Gralshüter des internationalen Trotzkismus, in die Debatte ein. Er warf Service vor, ein «geschmackloses und widerwärtiges Buch» geschrieben und die stalinistische Tradition der «Geschichtsfälschung» fortgesetzt zu haben (vgl. NZZ 28. 12. 11).
Einwände von Zunftkollegen
Nun können diese Ausfälle gegen Service leicht als Abwehrreflex eines bekennenden Trotzkisten gedeutet werden, der seine Felle davonschwimmen sieht. Der Protest gegen die inkriminierte Trotzki-Biografie hat aber in der Zwischenzeit weitere Kreise gezogen. Der Stanford-Historiker Bertrand Patenaude, der selbst ein Buch über Trotzkis Jahre im Exil vorgelegt hat, bestätigt Norths Vorwürfe und wirft Service vor, «grundlegende Standards historischer Forschung» verletzt zu haben. Widerstand ist auch gegen die im Suhrkamp-Verlag geplante deutsche Übersetzung laut geworden. Vierzehn Historiker und Soziologen, darunter Helmut Dahmer, Hermann Weber, Bernhard Bayerlein, Heiko Haumann, Mario Kessler, Oskar Negt, Oliver Rathkolb und Peter Steinbach, haben bereits im Sommer 2011 einen Brief an die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz geschrieben, in dem sie sich gegen eine Publikation aussprechen.
Neben Sachfehlern und fachlichen
Mängeln kritisieren die Unterzeichner einen unterschwelligen
Antisemitismus, der sich etwa darin äussere, dass Service Trotzkis
jüdischer Herkunft zu grosse Bedeutung beimesse. Nicht so weit geht der
Marxismus-Forscher Iring Fetscher, der in einem separaten Brief die
Korrektur der Fehler empfiehlt, aber für eine Publikation votiert.
Fetscher hält Service' Buch auch nicht für antisemitisch. - Die Monita
betreffen etwa falsche Todesdaten (Trotzkis Witwe starb 1962, nicht
1960), die ungenaue Beschreibung historischer Ereignisse (1923 fanden
Strassenkämpfe nicht in Berlin, sondern in Hamburg statt),
unzuverlässige Fussnoten (angeführte Belege beweisen nicht die Änderung
des Vornamens Leiba zu Lev), die Verwechslung von
Verwandtschaftsverhältnissen (die Familie von Trotzkis Sohn Sergei wird
dem Sohn Leon zugeschrieben), die Verkürzung von Zitaten (Service
blendet den versöhnlichen Schluss von Trotzkis Bericht über die Trennung
von seiner ersten Frau aus) oder die selektive Bevorzugung von
Memoiren, die Trotzki in einem kritischen Licht zeigen (Gregory Ziv und
Clare Sheridan). Die Kontroverse ist auf der World Socialist Web Site
(www.wsws.org) auf Deutsch und Englisch dokumentiert.Im Suhrkamp-Verlag nimmt man diese Stimmen ernst und hat inzwischen ein weiteres Gutachten eingeholt, das zu den einzelnen Vorwürfen Stellung nimmt. Die deutsche Übersetzung soll in einer korrigierten Version Anfang Juli 2012 erscheinen - tiefgreifende Eingriffe in die Textgestalt werde es allerdings nicht geben. Die Entscheidung des Verlags ist richtig: Weder North noch Patenaude haben Argumente vorbringen können, die Service' grundsätzliche Kritik an Trotzkis revolutionärem Fanatismus und seiner Gewaltbereitschaft entkräften. Trotzki setzte den Roten Terror im Jahr 1918 mit eiserner Faust um, organisierte die ersten Konzentrationslager und liess den Aufstand der Kronstädter Matrosen 1921 blutig niederschlagen.
Ein Publikationsverzicht würde der öffentlichen Debatte im deutschsprachigen Raum einen wichtigen Forschungsbeitrag vorenthalten, der Trotzkis historische Rolle in einem breiteren Kontext untersucht. Der engagierteste Wortführer des Protests, David North, wird sich mit dieser Lösung nicht zufriedengeben - er verteidigt seine «Wahrheit» und kann offenbar keine Darstellung akzeptieren, die wesentlich vom sorgfältig konstruierten «master plot» in Trotzkis Autobiografie «Mein Leben» aus dem Jahr 1930 abweicht. Das lässt sich deutlich am Vorwurf des Antisemitismus demonstrieren. Die meisten beanstandeten Stellen betreffen Passagen, in denen Service auf antijüdische Stimmungen in der russischen Gesellschaft hinweist («In der Tat glaubte man weitherum, dass Juden die bolschewistische Partei dominierten»). Ein Bericht über antisemitische Stimmungen erfüllt aber natürlich nicht den Tatbestand des Antisemitismus.

Für ein adäquates Verständnis von Trotzkis Leben ist die Erwähnung damaliger Klischees eines jüdischen Bolschewismus wichtig. Service relativiert solche Vorurteile ausdrücklich: «Verschiedene nationale Minderheiten waren bei den Bolschewiki stark repräsentiert. Stalin war ein Georgier, Feliks Dserschinski ein Pole, Stepan Schaumjan ein Armenier. Auch die baltischen Völker - vor allem die Letten und Litauer - stellten prominente Vertreter. Diese Führer hatten während ihrer Jugend ihre Ablehnung der imperialen Ordnung vor 1917 um eine nationale oder ethnische Dimension erweitert. Aber es waren die Juden, die am meisten geschmäht wurden.» Ähnliches gilt für Service' zutreffende Beobachtung, dass Trotzki seine jüdische Herkunft konsequent heruntergespielt habe. Dies tat der Revolutionsführer allerdings nicht - wie David North meint -, weil er sich für sein Judentum schämte, sondern um selbst als Anschauungsbeispiel für die marxistische Theorie des Verschwindens nationaler Gegensätze dienen zu können. Gleichwohl begründete er den Verzicht auf das Volkskommissariat des Innern, das ihm Lenin anbot, mit dem Hinweis, er wolle als Jude seinen Gegnern keine unnötige Angriffsfläche bieten.
Trotzki selbst präsentierte solche Vorfälle als rein politisches Kalkül. Grundsätzlich war Trotzki in leninistischer Manier dem Judentum gegenüber ebenso feindlich eingestellt wie allen übrigen Religionen. Service nimmt Quellen, die antisemitische Aussagen Trotzkis kolportieren, nur mit Vorbehalten in seine Darstellung auf. Er zitiert einen mündlichen Bericht über eine angebliche Aussage von Trotzki: «Wenn es für das Wohl der Menschheit nötig ist, dass ein Teil von ihr untergeht, dann hätte ich persönlich nichts dagegen, wenn das die russischen Juden wären» - und fährt fort: «Das klingt nicht nach etwas, das er sagen würde. Trotzki setzte sich in der Regel dafür ein, dass jede nationale Gruppe ihre Traditionen ohne Verfolgung ausüben kann, solange sie die kommunistische gesellschaftliche Ordnung achtet.»
Keine «Schmähschrift»
Service hat keine «Schmähschrift» verfasst, wie es in dem Brief der vierzehn Historiker und Soziologen heisst. Seine nüchtern-distanzierte Haltung äussert sich etwa in folgendem Urteil über Trotzki: «He lacked the talent to manage his talent.» Service steht mit seinem kritischen Trotzki-Bild nicht allein da - der Militärhistoriker Dmitri Wolkogonow, der sehr früh Einsicht in schwer zugängliche Archive nehmen konnte, hatte Trotzki bereits 1992 als ambivalente Verkörperung der «attraktivsten Seiten der Revolution und der abstossendsten Aspekte des Bolschewismus» charakterisiert: «Er war sowohl Erfinder des Roten Terrors als auch sein Opfer.» Auch die beiden britischen Historiker Ian Thatcher und Geoffrey Swain, die 2003 und 2006 kürzere Trotzki-Biografien vorgelegt haben, schliessen sich dieser Einschätzung an. Thatcher merkt ironisch an, dass Trotzki über eine Revolutionsethik verfügte, die aus jedem Freund einen Feind machen konnte; und Swain bezeichnet ihn als Urheber seines eigenen Sturzes, weil er seine Ansichten rücksichtslos durchsetzte, solange er dazu die Macht hatte.
Trotzki bleibt also, um das Mindeste zu sagen, eine heftig umstrittene Figur in der Geschichtsschreibung. In den neuesten Auseinandersetzungen entsteht allerdings bisweilen der Eindruck, Trotzki stehe gar nicht mehr im Zentrum der Debatte. Es ist nämlich nicht ausgeschlossen, dass Patenaude mit seinem Verriss eine Privatfehde ausficht: Service hatte 2009 im «Guardian» Patenaudes eigenes Trotzki-Buch rezensiert und moniert, dass der Jäger hier als Gejagter dargestellt werde.
Nota.
Die Frage, ob Trotzki persönlich ein Alternative zu Stalin dargestellt hat, ist historisch ganz unerheblich. Ob die von Trotzki vertetene Linie der Permanenten Revolution eine Alternative zu Stalins "Sozialismus in einem Land" gewesen wäre - das ist die Frage.
Nein, ein Salbader eines Sozialismus "mit menschlichem Antlitz" und sanftmütiger Friedensfreund ist er nie gewesen. In einem Bürgerkrieg siegt man nicht durch gute Manieren; das ist keine Tanzschule, sondern nackte Gewalt. Und er hat sich nie zum Demokraten geläutert, der arithmetische Mehrheiten als einen Wink Gottes verehrt. Für die Demokratie im Sowjetstaat und in der bolschewistischen Partei ist er eingetreten, weil anders die Diktatur der Proletaritas zur totalitären Terrorherrschaft einer parasitären Bürokratie pervertiert und aus einem Herd der Weltrevolution ein Bollwerk der Weltreaktion wird.
Aber der Illusion, dass demokratische Prozeduren im Innern die bürokratische Degeneration der Arbeitermacht verhindern könnten, solange noch die Revolution "in einem Land" isoliert bleibt, hat er sich nicht einen Moment lang hingegeben. Andersrum: Nur die Ausdehnung der Weltrevolution auf die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder konnte den revolutionären Prozess im Innern permanent halten - und die Bedingungen demokratischer Herrschaft bewahren. Im "Sozialismus in einem Land" gab es zu Stalin keine Alternative.
Zum unanstößigen Sozialdemokraten hat sich Leo Trotzki nie verwässert. Er war ein marxistischer Revolutionär bis zum Schluss. Dass er daran offenbar keinen Zeifel lässst, ist Robert Service zu danken. Besser eine Schmähschrift als eine süßholzraspelnde Entsorgung.
J.E.






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